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Von Feuerland nach Wildau

„Und als das eiserne Tier mit seinem Gesicht in die Flucht der Eisenbänder hineinglotzte, zischte und ächzte es plötzlich lauter, und dann, ohne dass man zuvor irgendeinen Willen oder eine Anspannung bemerkt hätte, kam es zu ihnen heran. Marie entdeckte auf dem offenen Führerstand der Lokomotive einen Mann in Uniform, der sich an Hebeln zu schaffen machte, dann kam der Tender, dann kamen die grünen Wagen, eingehüllt vom Dampf, in dem das alles vor ihr mit einem Schreien von Metall auf Metall auch schon wieder zum Stehen kam und Marie schlug das Herz bis zum Hals.“ (1)

Maries Angst vor der Lokomotive kannten die 67 interessierten Zuhörer unseres 21. Industriekulturabend in Potsdam zum Thema „Lokomotiven aus Wildau – Die Berliner Maschinenbau-Actien-Gesellschaft vormals L. Schwartzkopff“ nicht. Ganz im Gegenteil lauschten sie mit Begeisterung Dr. Susanne Kill, welche die Geschichte des von Louis Schwartzkopff 1851 gegründeten Unternehmens spannend und bildreich zu erzählen wusste.

Louis Schwartzkopff, 1825 in Magdeburg geboren, besuchte die dortige Gewerbeschule, wo er die Siemens-Brüder kennenlernte und sogar bei Werner von Siemens Mathematikunterricht erhielt. In den 1840er Jahren kam er nach Berlin und besuchte dort die Gewerbeschule (später Beuth-Hochschule). Nach Abschluss der Schulausbildung lernte er bei Borsig. Danach arbeitete er kurzzeitig als Lokomotivführer, war Maschinenmeister der Magdeburg-Wittenbergischen Eisenbahn, bis er 1952 die Maschinenfabrik Schwartzkopff & Nitsche in der Chausseestraße 20 gründete. Die beiden trennten sich allerdings sehr schnell und schon ein Jahr später war Schwartzkopff Alleininhaber des Unternehmens.

FEUERLAND, so hieß der Standort von Schwartzkopff, Borsig, Egells und Wöhlert im Volksmund, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts nördlich vom Oranienburger Tor entstanden war. Direkt vor sich sah Marie „mächtige Ziegelhallen und hohe Schornsteine, dicht hintereinander gestaffelt, und durch all die Fensterfronten und offenen Tore leuchtete es so feuerrot hervor, dass der Rauch, der über allem lag und in den Nachthimmel stieg, davon glühte.“ (2) Eine Fabriklandschaft, die von Karl Eduard Biermann 1847 auf Leinwand festgehalten wurde.

Anhand von Grundrissen zeichnet Frau Dr. Kill das rasche Wachstum des jungen Unternehmens nach, das zwar viele Aufträge hatte, aber immer unter Kapitalknappheit litt. Um diesen Zustand zu ändern, wird L. Schwartzkopff 1870 zur AG. In diesem Jahr konnte auch die Auslieferung der 100. Lokomotive gefeiert werden. Es wurden aber nicht nur Lokomotiven hergestellt, sondern auch Dynamos, Motoren, Transformatoren, Schaltanlagen und komplette Energieerzeugungsanlagen z. B. für Schiffsausrüstungen.

Die Herzen der Eisenbahnliebhaber schlugen dann höher, als Frau Dr. Kill die Güterzug-Lok Weißhaupt (Baujahr 1867), Lokomotiven für den Export, die Vierzylinder-Schnellzuglok Erfurt 1046 (Baujahr 1914) und vor allem natürlich die Stromlinienlok 01 1001 von 1939 zeigte.

Zu einer Zäsur im Eisenbahnbau kommt es um 1886, als die Eisenbahn verstaatlicht wurde. Das machte die Geschäfte schwieriger. Es wurden Quoten bei der Vergabe der Aufträge eingeführt und eine Konkurrenz war nicht mehr möglich. Das führte dazu, dass mehr Lokomotiven für das Ausland gebaut wurden.

Berlin wuchs, breitete sich aus. Das wiederum führte zu der sogenannten Randwanderung der Industrie. Auch die „Berliner Maschinenbau-Actien-Gesellschaft vormals L. Schwartzkopff“ (BMAG) sucht sich ein neues Domizil und zog nach Wildau. Hier entstehen nicht nur das Fabrikgelände, sondern auch die Wohnungen und Häuser der Belegschaft, die architektonisch dem Gedanken der „Gartenstadt“ verpflichtet sind.

In den zwei Weltkriegen war es die Kriegsproduktion, die das Geschäft ankurbelte. Bei der BMAG wurden in diesen Zeiten Torpedos, aber auch die Kriegslok Baureihe 52 (1943) hergestellt. Die Bilanz des Zweiten Weltkrieg sind: die Zerstörung des Berliner Werkes, Enteignungen und die Demontage des Werkes in Wildau. Damit endete auch der Bau von Lokomotiven. Einen Neuanfang versuchte die BMAG durch die Produktion von Linotype- Setzmaschinen und Flaschenhalsmaschinen.

Die Frage, was mit den Industriebauten nach dem Zweiten Weltkrieg passiert ist, beantwortete der Vortrag von Dr. Frank Seeliger, der Wildau als einen „Ort der Brüche und Kontinuitäten“ darstellte.

Zunächst stellte sich die Frage, warum die BMAG sich Wildau als Produktionsstätte ausgesucht hat. Der Standort war günstig. Im Norden des Geländes befand sich die Dahme, an der ein Hafen gebaut wurde, der die Anlieferung von Rohmaterialien möglich machte. Zudem lag es an der Eisenbahnlinie Berlin-Cottbus-Görlitz.

Es war der Regierungsbaumeister Ludwig Witthöft (1862-1937), der ab 1898 den Bau der neuen Fertigungshalle und der Wohnsiedlung mit der dazugehörigen Infrastruktur für die BMAG leitend übernahm. Im Westen von der Bahnlinie entstanden die Montagehallen, Werkstätten und Schmieden, im Osten die Arbeiter- und Beamtenwohnhäuser. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden 58 zweigeschossige Doppelhäuser in einer Gartenanlage errichtet. Später kamen noch weitere Gebäude dazu, so dass bis 1923 dort rund 4.000 Menschen dort wohnen konnten.

Mit vielen Bildbeispielen zeigte Herr Dr. Seeliger die Entwicklung nach der Demontage durch die sowjetische Besatzungsmacht und den Abriss der Montage- und Produktionshallen. Es entstanden der VEB Schwermaschinenbau „Heinrich Rau“, eine Poliklinik und eine Ingenieurschule, die später zur TH Wildau wurde.

Nach der Wende wurde zum einen die Siedlung denkmalgerecht saniert und zum anderen der Firmenstandort der VEB Schwermaschinenbau „Heinrich Rau“ zu einem Gewerbestandort für viele Unternehmen umgebaut. Gleichzeitig erhielt die TH Wildau die Industriehallen 10, 14 und 16 zur Nachnutzung.

Die Vortragsfotos zeigten eine ausgesprochen gute Synthese zwischen der alten Bausubstanz und den neuen Einbauten bzw. Neubauten, und es wurde gut klar, warum die Sanierung der Arbeiterwohnsiedlung und die architektonischen Konzepte für die Umnutzung der Hallen einen großen Anklang fanden und auch Preise gewannen.

Herr Dr. Seeliger hat es mit seinem sehr spannenden Vortrag geschafft, dass ich mich in den nächsten Wochen auf nach Wildau machen werde, um mir die Stadt selbst anzusehen, und ich weiß, ich werde noch andere Zuhörer dieses Vortrages dort treffen.

 

(1) Hettche, Thomas: Pfaueninsel. 3. Auflage. München: btb Verlag, 2016, S. 282

(2) ebd., S. 301

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