In der Serie „Parfüm- und Kosmetikproduktion in Berlin“ stellt Ihnen Roman Goerkis Unternehmen vor, die nach dem 2. Weltkrieg wieder in Produktion gingen und zum Teil auch sehr erfolgreich waren. In diesem ersten Teil der Serie erfahren Sie etwas über die historischen Rahmenbedingungen sowie über Unternehmen, die schon ab 1946 Werbung für ihre Produkte geschaltet haben:
Bei der Analyse meiner Parfümsammlung mit Schwerpunkt Berlin habe ich einige Verpackungen gefunden, die durch ihre Aufmachung oder auch durch eindeutige Kennzeichnungen der Zeit zwischen 1946 und 1955 zuzuordnen sind. Das hat mich neugierig gemacht, denn wer denkt schon an Parfüm im Zusammenhang mit der Nachkriegszeit.
In diese Zeit fallen nämlich der Wiederaufbau Berlins, die Währungsunion, die Blockade von Berlin und die Enteignung vieler Firmen im russisch kontrollierten Teil von Berlin.
Also begann ich im Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv, im Landesarchiv Berlin und in der Zentral- und Landesbibliothek zu recherchieren und stellte fest, dass es viele Magazine aus Berlin mit Werbeanzeigen gibt und auch Briefverkehr und Rechnungen, die einen guten Einblick in die Parfüm- und Kosmetikproduktion in Berlin nach dem 2. Weltkrieg geben.
Beginnen möchte ich mit einem kurzen historischen Blick:
Wer an Berlin nach dem Krieg denkt, hat Bilder von Straßenzügen in Trümmern vor Augen und von Frauen, die auf den Trümmerbergen arbeiten.
Ein guter Überblick über die Schäden in Berlin und den Zustand der Stadt kann aus dem Statistischen Jahrbuch von 1946/47 abgelesen werden [01]:
32% der Wohnungen in Berlin waren nach Ende der Kampfhandlungen zerstört, was ca. 40% des gesamten Wohnraums entsprach. 11,3% aller Wohnungen wurden als komplett zerstört, 8,2% als schwer zerstört, 9,3% wiederherstellbar und der Rest als leicht zerstört klassifiziert.
Allerdings hatte sich die Anzahl der Einwohner ebenfalls stark reduziert. Während die Statistik für Mai 1939 noch 4,3 Mio. Einwohner angibt, sind es im August 1945 2,8 Mio. und im Oktober 1946 3,2 Mio.

Abb. 1: Seifenkarte Gross-Berlin (Quelle: Privat)
Eng verbunden mit den Bildern der zerstörten Stadt ist der Gedanke an die Zuteilung von Lebensmittelkarten, mit denen in den Westsektoren bis 1950, in der sowjetischen Zone auch noch nach 1950 Grundnahrungsmittel, aber auch – im Kontext dieses Artikels besonders interessant – Hygieneartikel wie Seife rationiert wurden. Im Mai 1945 wurden 2,56 Mio, Dezember 1946 3,21 Mio und im Dezember 1947 3,25 Mio Lebensmittelkarten für Groß-Berlin ausgegeben. [02]
Ein Auszug aus dem Bericht vom Magistrat 1946 zeigt, dass es durchaus erwähnenswert war, wenn Seife zur Verfügung stand und in streng rationierten Mengen ausgegeben werden konnte:
„In der Zeit vom 1.Januar bis 15. April 1946 haben wieder regelmäßige Verteilungen von Seife, Seifenpulver und Zündhölzer in der russischen Zone Berlins und von Seife in ganz Berlin stattfinden können. Gemeinsam mit der Abteilung Wirtschaft ist vorgesehen, bis auf weiteres der Bevölkerung monatlich regelmäßig 1 Stück Seife sowie Waschpulver zuzuteilen. [3]“
Für viele Produkte waren vom Magistrat von Berlin Preise festgelegt worden. Dabei enthielt der Verkaufspreis einen festgelegten Aufschlag auf die Herstellungskosten; diesen Aufschlag (also den Gewinn) teilten sich der Produzent, alle Zwischenhändler und der Endverkäufer. In den Bezirken wurden sogenannte Bezirkspreisstellen gebildet, die, durch freiwillige Helfer unterstützt, die Einhaltung der vom Bezirk festgesetzten Preise überwachten, Verstößen sanktionierten und entsprechende Strafen verhängten [4].
Da die Verkaufsprodukte mit Datum der geltenden Verordnung gekennzeichnet werden mussten, ist heute noch nachvollziehbar, wann ein Produkt produziert wurde und in den Verkauf gekommen war – sofern der Aufkleber noch existiert. Die Abbildungen 2 bis 5 zeigen entsprechende Preisaufkleber auf Verpackungen von Kosmetikartikeln aus den Jahren 1946 – 1951.

Abb. 2/3: Firma Pharkos (links) und Firma Cocktail (rechts) (Fotos: Goerkis)

Abb. 4/5: Firma Kurt Sacher (links) und Firma Jünger & Gebhardt (rechts) (Fotos: Goerkis)
Zum Vergleich: Der Preis für ein Brot (1kg) lag bei 44 Reichspfennig (Rpf), ein Ei kostete 14 Rpf, eine Kilo Zucker 115 Rpf und Rindfleisch mit Knochen kostet 220 Rpf, pro Kilo [05]. Diese Preise beziehen sich auf die Ausgabe mit Lebensmittelmarken für die Jahre 1946/1947, die Preise auf dem Schwarzmarkt waren höher.
Trotz dieser Randbedingungen etablierte sich zeitgleich ein Markt für exklusive Kosmetik und Parfüms, der parallel zu dem Markt über Zuteilungskarten schnell wuchs. Erkennbar ist dieser Markt z.B. an der Anzahl und am Zuwachs an Firmen, die für Kosmetik und Parfüm in den neu gegründeten Magazinen in Berlin warben und durch die Eintragungen der Firmen im Telefonbuch.
1946/47 waren 29 Hersteller für Parfüms im Branchen-Adressbuch von Berlin aufgeführt, viele davon waren über Jahre aktiv am Markt und durch entsprechende Anzeigen in den Magazinen aus Berlin auch in den folgenden Jahren präsent.

Abb. 6/7: Originalschachtel Firma Rühberg (links, Foto: Goerkis) und Werbeanzeige aus „Frau von heute“, Juni 1946 (rechts, Quelle: Privat)

Abb. 8/9: Rechnung Firma Rühberg (08.07.1947) mit dem Hinweis auf die Preisgenehmigung und Rechnung Firma Pharkos (19.12.1946) (Quellen: Privat)
Auch die Rechnung der Firma Pharkos vom 19.12.1946 (Abb. 9) an eine Dessauer Drogerie zeigt den wachsenden Markt für Kosmetikartikel. Interessant sind die Verweise auf die Preisgenehmigungen (unten), die Vorgabe für den Verkaufspreis (rechts auf der Rechnung) sowie der Hinweis: „Verpackung leihweise, Rücksendung erbeten“ (ganz unten): auch Verpackungsmaterial war knapp!

Abb. 10/11 Werbeanzeige Firma Fri-Wi (Quelle: Telefonbuch von Berlin, Ausgabe 1946/1947) und Anzeige Firma Brandt (Quelle: „Sie“, 03.02.1946, zlb-Mikrofilm „Sie B/1/2a Film Nr. 1 1945, Dez-1947, 28.12“)
Im Telefonbuch von Berlin (1946/47) wird u.a. die Firma Fri-Wi Kosmetik (Abb. 10), im Bereich „Berlin baut auf“ genannt, wie auch die Firma Stassen – Geschenke und Parfüm am Kurfürstendamm.
Bereits in der Ausgabe des Magazins „Sie“ vom 03.02.1946 findet man eine kleine Anzeige mit Hinweis auf die Firma Brandt (Abb. 10), am 14.04.1946 eine Anzeige der Firma Fri-Wi, am 28.07.1946 erstmalig die Firma Stassen – Parfümerie, am 27.10.1946 bewirbt die Firma Edkadulon ihre Produkte und auch die Firma Exquisit (22.12.1946) ist in dem Magazin regelmäßig vertreten.
Die noch heute bekannten großen Firmen sind in den Magazinen zu dieser Zeit noch nicht präsent, entsprechende Anzeigen sind erst ab ca. 1948 enthalten.

Aufruf Firma Mouson, Frankfurt/Main, vom 08.02.1946 (Quelle: Tagesspiegel, zlb Mikrofilm „Tagespiegel Band 1, 1945, 16.07 – 1947, 28:01“)
Auch der Produzent Mouson & Co. (Abb. 12) wird den Markt entsprechend beliefert haben, auch wenn direkte Anzeigen in den Magazinen nicht vorhanden sind.
Die etablierten Produzenten werden vermutlich direkt mit den Geschäften verhandelt und auf Werbung verzichtet haben. Für die neuen, kleinen Firmen in Berlin aber war Werbung unverzichtbar. Grundsätzlich findet sich in den Magazinen in Berlin ein Abriss der aktuellen, kleinen, lokalen Firmen. Diese bewerben teilweise ein ganzes Produktspektrum oder auch nur einzelne Parfüms/Cremes.
Auf Grund der vielen Firmen in Berlin und den entsprechend zahlreichen Geschäften ist davon auszugehen, dass der Kosmetik- und Parfümmarkt in der Stadt trotz der Kriegsfolgen sehr attraktiv für die Hersteller war.
Welchen Stellenwert die kosmetische Industrie bereits in der frühen Nachkriegszeit hatte, ist auch an den Zahlen für die Messe in Leipzig erkennen:
Für die Frühjahrsmesse 1946 in Leipzig waren 27 der 150 Aussteller in der Branche Chemische, pharmazeutische und kosmetische Erzeugnisse aus Berlin, zur Frühjahrsmesse 1947 waren es 63 von 352 und zur Herbstmesse 68 von 339 [06].
Einige der frühen Produzenten von Kosmetik und Parfüm hatten als Firmenbezeichnung chemisch pharmazeutische und kosmetische Fabrik (z.B. Firma Sacher, Firma Brandt) oder wie die Firma Lonja „Chemotechnische Werkstätte“ im Firmennamen (Abb. 13/14).

Abb. 13/14: Firma Lonja, Puder Kompakt und Wangenrot (Fotos: Goerkis) und Werbeanzeige aus „Frau von heute“, 11/1946 (Quelle: Privat)
Im Reiseführer für Berlin aus dem Jahre 1946 findet sich bereits Werbung für Geschenke und Parfüm, von der Firma Druck am Kurfürstendamm 50, einem Konkurrenten der Firma Stassen und einem weiteren Mitbewerber am Kurfürstendamm. Die Firma Stassen wirbt aber auch im Telefonbuch und den regionalen Magazinen.

Abb. 15/16: Reiseführer durch Berlin, 12/1946 und Anzeige Firma Druck (Quelle: Privat)

Abb. 17: Werbeanzeige Firma Stassen, „Frau von heute“ 09/1946 (Quelle: Privat)
Am Ende dieses Artikels möchte ich Ihnen noch die bekannteste Firma aus Berlin, die auch deutschlandweit sehr erfolgreich war, vorstellen:
Es handelt sich um die Firma Kleiner, später Gebrüder Kleiner, die mit dem Duft Patra lange Zeit eine feste Größe im deutschen Markt waren, nach dem Krieg wurde allerdings zuerst das Parfüm Superbe produziert und beworben.
Details zu dieser Firma wurden bereits im Archivspiegel des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv veröffentlicht:
https://www.archivspiegel.de/archivgut/unter-der-lupe-patra-ihr-parfuem-in-aller-welt/

Abb. 18: Firma Kleiner, Werbeanzeige aus „Jedermann“, 12/1946 (Quelle: Privat)
Text: Roman Goerkis
Quellen:
[01] Hauptamt für Statistik und Wahlen des Magistrats von Groß-Berlin (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch – Berlin in Zahlen 1946-1947, S. 239.
[02] Berlin im Neuaufbau – Das erste Jahr – Rechenschaftsbericht des Magistrats der Stadt Berlin, 1946, S. 92
[03] Berlin im Neuaufbau – Das erste Jahr – Rechenschaftsbericht des Magistrats der Stadt Berlin, 1946, S. 238
[04] Berlin im Neuaufbau – Das erste Jahr – Rechenschaftsbericht des Magistrats der Stadt Berlin, 1946, S. 48
[05] Hauptamt für Statistik und Wahlen des Magistrats von Groß-Berlin (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch – Berlin in Zahlen 1946-1947, S. 239.
[06] Berlin im Neuaufbau – Das erste Jahr – Rechenschaftsbericht des Magistrats der Stadt Berlin, 1946, S. 225

