In der Serie „Parfüm- und Kosmetikproduktion in Berlin“ geht es diesmal nicht um die Parfümproduktion, sondern um Gesichts- und Rasierwasser – ein Männerduft, über den Sie hier bisher noch nichts lesen konnten. Roman Goerkis stellt das Berliner Cosmetische Laboratorium Berzinski & Richter vor, das schon Anfang des 20. Jahrhunderts die Marke Simi prägte, welche auch in den 1950er- und 1960er-Jahren noch vermarktet wurde. Viel Spaß beim Lesen des achten Teils der Serie!
Das Berliner Cosmetische Laboratorium Berzinski & Richter wurde am 26.07.1904 von Max Berzinksi zu Berlin und Kurt Curt Richter zu Schöneberg als offene Handelsgesellschaft gegründet. Da die Zusammenlegung zu Groß-Berlin erst 1920 stattfand, wird Schöneberg noch als eigenständige Stadt erwähnt.
Der Geschäftszweck war die „Herstellung und Vertrieb kosmetischer Präparate“. Bereits 1904 hatte sich die Firma „Simi“ als Warenzeichen eintragen und auch die Flasche schützen lassen. Im Adressbuch ist für das Jahr 1905 die Anschrift des Unternehmens mit Neue Schönhauser Straße 11 und ab 1906 Zimmerstr. 54 angegeben.

Abb. 01: Abbildung aus dem Reichanzeiger, rechts Vorder- und Rückseite einer Originalflasche (Fotos: Roman Goerkis)
Die Etiketten auf den frühen Flaschen zeigen, wie schnell sich die Werbung für Simi veränderte. Auf der Flasche aus dem Reichsanzeiger (Abb. 1, links) ist zu lesen: „Der Beste Ersatz für Puder“. Auf der späteren Flasche (Abb. 1, Mitte) steht auf dem Etikett „Ärztlich empfohlen, garantiert unschädlich“.

Abb. 02: Werbung aus der Zeitschrift „Berliner Leben“, 07/1904
Die Gründung der Firma muss gut geplant gewesen sein, wenn bereits in der Juli Ausgabe Berliner Leben aus dem Jahre 1904 Werbung geschaltet wurde. Bereits am 04. Juli 1905 ist im Reichsanzeiger die Auflösung der Gesellschaft dokumentiert: Max Berzinski hatte die Firma verlassen und Curt Richter wurde alleiniger Inhaber.
Der Reichsanzeiger aus dem Jahre 1908 dokumentiert auch den Schutz für die Verpackung (Abb. 3). Im gleichen Jahr wurde das Unternehmen im Telefonbuch von Berlin eingetragen, nun in der Neuenburger Str. 31, wo die Geschäftsräume bis 1928 blieben.

Abb. 03: Anzeige im Reichsanzeiger mit dem neuen Werbeslogan (siehe Flasche Abb. 01)
Im Januar 1917 heirateten Curt Richter und Anna Müller. Am 19.03.1917 wurde im Reichsanzeiger veröffentlicht, dass Anna Richter (geb. Müller) Prokuristin des Berliner Cosmetischen Laboratorium Berzinski & Richter ist. In dieser Zeit war es äußerst selten, dass Frauen eine solche Position bekleideten.

Wie viele Firmen hatte auch das Berliner Cosmetische Laboratorium Berzinski & Richter Werbemarken ausgegeben (Abb. 4). Diese dürften zeitlich vor dem ersten Weltkrieg liegen und nutzten nur Simi als Werbebotschaft. Im Gegensatz zu vielen anderen Werbemarken, die nur Firmenbezeichnungen oder Produkte abbildeten, wurde hier ein „Lebensgefühl“ vermittelt.

Abb. 04: Verschiedene Werbemarken der Firma mit der Produktbezeichnung „Simi“ (Fotos: Roman Goerkis)

Abb. 05: Werbung aus der österreichischen Zeitschrift „Die Bühne“, 23/1925
Auf jeden Fall muss das Gesichtswasser sehr erfolgreich gewesen sein. In vielen Zeitschriften aus Österreich existieren Werbeanzeigen von General-Importeuren. Hier eine Anzeige des General-Repräsentanten Nellus N. Storosum aus der österreichischen Zeitschrift „Die Bühne“ (Abb. 05).
Irgendwann zwischen 1927 und 1929 entstand neben dem Gesichtswasser auch ein Rasierwasser. Wahrscheinlich nutzte die Firma den Umstand aus, dass immer mehr Männer selbst rasierten, anstatt zum Friseur oder Barbier zu gehen. 1901 war von King C. Gilette in den USA der Sicherheitsrasierer erfunden und patentiert worden. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde der Bart grundsätzlich mit dem Rasiermesser gepflegt – ein Umstand, der sehr viel Übung und Erfahrung beim Rasieren sowie bei der Messerpflege voraussetzte. Mit dem Sicherheitsrasierer wurde die Rasur hingegen sehr einfach.
War beim Friseur oder Barbier für die Hautpflege noch Kabinettware in großen Gebinden zu einem günstigen Preis wichtig, entstand nun sehr schnell ein großer Markt für die Hautpflege nach der Rasur im privaten Raum. Bereits 1924 gab es von der Firma Scherk in Berlin ein Rasierwasser, das später unter dem Namen Tarr vermarktet wurde.

Abb. 06: Anzeigen aus dem „Handbuch der im deutschen Großhandel gangbaren Spezialitäten“ (oben 1927, unten 1929)
Lag 1927 der Fokus von Simi in den Werbeanzeigen noch auf der Beseitigung von Mitessern, so wird 1929 bereits die wunderbare Wirkung nach dem Rasieren thematisiert (Abb. 06).
Als 1931 Anna Richter Miteigentümerin der Firma wurde, war das Unternehmen schon 27 Jahre alt. Im Berliner Handels-Register wurden Anna und Curt Richter nachfolgend als Eigentümer geführt.

Abb.07: Werbung in der Zeitschrift „Die Bühne“, 310/1931, S. 27
Ab 1932 befanden sich die Geschäftsräume in der Skalitzer Straße 97, und im Telefonbuch wurde bei der Firmenbezeichnung bereits Simi angegeben. Nach dem Tod von Curt Richter am 11. Juni 1932 wurde die Gesellschaft am 1. November 1932 aufgelöst und Frau Anna Richter zur alleinigen Besitzerin.

Abb. 08: Werbung in der Zeitschrift „Sport im Bild“, 06/1931, S. 354
Am 01.06.1933 wurde die Simi Laboratorium A. Richter KG gegründet. Anna Richter war persönlich haftend. Zwei weitere Kommanditisten – Gertrud und Elisabeth Müller, wahrscheinlich ihre Schwestern – waren ebenfalls beteiligt. Frau Anna Richter brachte die alte Firma in die KG ein, während Gertrud und Elisabeth jeweils 15.000 Reichsmark (RM) beisteuerten.
Bei der Anmeldung beim Amtsgericht mussten auch Angaben zur Firmengröße gemacht werden: Mit 13 Arbeitern, 5 kaufmännische Angestellten, Gewerberäumen von 550 Quadratmetern, einem Eigenkapital von 120.000 RM und einem Jahresumsatz in Höhe von 300.000 RM im Jahre 1932 handelte es sich um ein größeres Unternehmen. In Gegensatz zu vielen Konkurrenten produzierte die Firma ausschließlich Gesichts- und Rasierwasser und bot somit ein sehr stark eingeschränktes Produktspektrum an.

Abb. 09: Links ein Aufsteller des Unternehmens (Fotos: Roman Goerkis) und rechts Werbung aus Sport im Bild, 12/1934 (S. 546) und 21/1935 (S. 954)

Abb. 10: Werbung aus Velhagen und Klasings Monatshefte 05/1937
Am 12.10.1934 wurde dem Bankdirektor a.D. Walter Johannes Kluge für die Simi Laboratorium KG A. Richter Kollektiv-Prokura erteilt. Ein weiterer Prokurist war beim Amtsgericht allerdings nicht verzeichnet.

Abb. 11: Auszug aus einem Großhandel-Katalog, ca. 1937 (Fotos: Roman Goerkis)
Nach 1932 fand sich keine Werbung mehr mit der alten Flasche aus dem Jahre 1904. In einem Katalog der Parfümerie-Großhandlung Josef Brückel ist jedoch eine Abbildung der neuen Simi-Flasche zu sehen. Flaschenform und das Logo sollten noch viele Jahre in dieser Form existieren.
Nach dem Krieg verliert sich die Spur des Simi Laboratoriums A. Richter in Berlin. Im Landesarchiv ist lediglich dokumentiert, dass die Kommanditgesellschaft am 20. Mai 1949 gelöscht wurde.
Allerdings gab es in den 50er-Jahren eine Simi GmbH in München. Und wie schon bei der Firma Georgia in Berlin führt ein Streit bei der Firma Simi GmbH in München zu einer sehr guten Dokumentation.
Am 1. Juli 1950 zog die Firma Simi GmbH von Stuttgart nach München und nutzte diesen Umzug für entsprechende Werbung in einigen Zeitungsartikeln. Dieser Umzug wurde von Wilhelm Stephan, einem ehemaligen Geschäftspartner der Simi GmbH aus Stuttgart, zum Anlass genommen, ein Rundschreiben an viele Behörden und Organisationen in München zu senden und vor der Firma zu warnen. Durch dieses Rundschreiben und die daraufhin erfolgten Untersuchungen ist diese Phase im bayerischen Wirtschaftsarchiv sehr gut dokumentiert.

Abb. 12: Werbung aus Readers Digest Januar und Februar Ausgabe 1950
1943 war der Firmensitz der Firma in Berlin durch Fliegerbomben zerstört worden. Anna Richter verließ daraufhin Berlin und zog mit ihren Schwestern nach Überlingen am Bodensee. Den Angaben im Rundschreiben zufolge soll Anna Richter ab 1949 in Ludwigsburg wieder Gesichts- und Rasierwasser in kleineren Mengen produziert haben. Diese Produktion ist jedoch weder im Landesarchiv Berlin noch im Wirtschaftsarchiv Stuttgart dokumentiert. Zudem wird im gesamten Schriftverkehr mit dem Amtsgericht Berlin zum Zwecke der Auflösung der KG stets Überlingen am Bodensee als Anschrift angegeben, niemals jedoch eine Adresse in Stuttgart oder Ludwigsburg.
Im Frühjahr 1949 kam es zu Verhandlungen zwischen Anna Richter und Carl Greve, der die Produkte der Firma Simi übernehmen wollte. Am 02. Mai 1949 wurde der Vertrag unterzeichnet: Carl Greve und sein Partner Hugo Hammel wurden damit die Besitzer der Rezepte für Simi.
Carl Greve eröffnete seine Produktion in einer gemieteten Villa mit rund 200 Quadratmetern in Stuttgart und beschäftigte zur Jahresmitte 1950 über 50 Arbeiterinnen und Angestellte. Zudem verfügte er über einen Fuhrpark von 11 PKW und einen Ford Taunus als Lieferwagen. Hier wurde viel Geld in die Produktion, aber auch in Werbung investiert.
In Abbildung 12 sind zwei Werbeanzeigen aus dem Jahre 1950 mit dem seltenen Aufdruck Simi GmbH Stuttgart zu sehen. Die Firma war jedoch nur für 13 Monate in Stuttgart ansässig, bevor sie nach München umzog.

Abb. 13: Werbeanzeigen aus der Badischen Zeitung vom 8.8.1951 (S. 184) und 13.09.1951 (S. 4)
Carl Greve war scheinbar kein einfacher Zeitgenosse. Die Angaben zur Firma in der Presse waren stark geschönt und teilweise unwahr, weshalb sein externer Werbefachmann den besagten Rundbrief verfasst und vor dem Unternehmen gewarnt hatte. Carl Greve erwirkte daraufhin eine einstweilige Verfügung gegen die Verbreitung des Briefes und dessen Inhalt. Zudem drängte er seinen Geschäftspartner relativ schnell aus dem Unternehmen, woraufhin dieser klagte, gewann und zwei Jahre später wieder Teilhaber war.
In München wurde kein Standort gemietet, sondern gekauft: eine Villa in Bogenhausen/Herzogpark, die bis zum Ende des Unternehmens der Hauptsitz blieb.
Auf der Rückseite des ersten Briefmarkenheftes der Bundespost (Ausgabe September 1951) war Werbung der Firma Simi aufgedruckt. Interessanterweise fand sich beim ersten Markenheft der DDR Werbung für die Pohli-Creme, ein Produkt der Kosmetikfirma Georg Pohl Dresden. Meinen Informationen zufolge gab es danach in keinem der beiden deutschen Staaten mehr Werbung für Kosmetik auf Post-Briefmarkenheften.
Diese Anzeigen spiegeln auch die Werbestrategie und die finanziellen Mittel der Firma wider. Die Verhandlungen mit der Deutschen Post müssen sehr früh begonnen haben und führte dazu, dass die Werbung der Marke Simi in jedem deutschen Postamt auslag.

Abb. 14: Produkte der Firma Simi GmbH in München (Fotos: Roman Goerkis)
Abb. 14 zeigt das Produktspektrum der Firma Simi GmbH in München. Logo und Flaschenform entsprach jener aus dem Katalog von 1937. Besonders interessant ist der Umstand, dass die Flaschen extra für die Firma Simi produziert wurden – ein Luxus, den sich nach dem Krieg nur noch wenige Firmen in Deutschland leisteten.

Abb.15: OVP Simi Gesichts- und Rasierwasser (Fotos: Roman Goerkis)
Ob die Flaschen 1937 bereits das Rautenmuster hatten, war leider nicht mehr festzustellen. Das Rautenmuster der Flasche setzte sich auch auf der Umverpackung fort. Zusätzlich war jede Flasche in ein sehr dünnes Papier mit Werbeaufdruck eingewickelt.
Scheinbar wurde auch Rasiercreme in das Produktspektrum aufgenommen, entsprechende Werbung zur genauen zeitlichen Einordnung ließ sich jedoch leider nicht finden.

Abb. 16: Einschlagpapier für den einzelnen Flakon in der OVP (Fotos: Roman Goerkis)

Abb.17: Probe für Simi Rasiercreme (Fotos: Roman Goerkis)
Die Flaschenform muss noch mindestens bis 1958 unverändert produziert worden sein. Danach kam eine moderne Flasche in den Verkauf.
Bevor sich das Unternehmen in „SIMI GmbH Marketing- und Vertriebsgesellschaft mbH für kosmetische Markenartikel“ umbenannte und damit sicherlich auch seine Marktpräsenz veränderte, wurde noch eine neue Version der Simi-Flasche auf den Markt gebracht. Die Abbildung 18 zeigt diese speziell für Simi hergestellte moderne After-Shaves-Flasche.
Ob und wie erfolgreich das Rasierwasser ab 1950 an Markt war, lässt sich heute schwer beurteilen. Es gibt jedoch Indizien dafür, dass der Fokus ab 1960 wieder auf dem Gesichtswasser lag. Im DM-Warentest (November 1963) für PreShave Rasierwasser war Simi beispielsweise nicht unter den 13 Testkandidaten vertreten.

Abb. 18: After Shave Rasierwasser der Firma Simi GmbH (Fotos: Roman Goerkis)
An der Universität Regensburg existiert ein Archiv für Werbeforschung, in dem Simi mit mehreren Werbespots aus dem Jahre 1964 aufgelistet wird – allerdings ausschließlich für Gesichts- und Haarwasser, während Rasierwasser dort keine Erwähnung findet.
Um das Jahr 1974 verschwand Simi schließlich aus den Telefonbüchern, was nach 70 Jahren das endgültige Aus für die Marke bedeutete.
Text: Roman Goerkis

