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Parfüm- und Kosmetikproduktion in Berlin (6) – Georgia GmbH

In der Serie „Parfüm- und Kosmetikproduktion in Berlin“ stellt Ihnen Roman Goerkis Unternehmen vor, die nach dem 2. Weltkrieg wieder in Produktion gingen und zum Teil auch sehr erfolgreich waren. In diesem sechsten Teil der Serie erfahren Sie etwas über den Parfümhersteller Georgia GmbH, der erst nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen und im Osten von Berlin gegründet wurde.

Die Firma Georgia GmbH ist zwar eher unbekannt, aber als Neugründung direkt nach dem Zweiten Weltkrieg doch etwas Besonderes. Sie wurde am 5. Oktober 1946 in Berlin-West gegründet. Die Teilhaber der GmbH sind nicht überliefert, allerdings waren mit sehr großer Wahrscheinlichkeit mindestens Andela Peterova und Fritz Gummert an dem Unternehmen beteiligt.

Abb. 01: Anzeige im Telefonbuch von Berlin, Ergänzungsband 1948

Laut Telefonbuch von Berlin von 1947 gab es einen Firmensitz in Berlin-Steglitz, erst in der Teltowkanalstr. 1-4, ab 1950 in der Siemensstr. 33.

Wie viele Unternehmen der Kosmetik- und Parfümbranche im Westen gründete auch die Georgia GmbH eine Zweigstelle im Ostteil von Berlin und zwar in der Marzahner Chaussee. Aus den Akten des Landesarchivs geht hervor, dass das Unternehmen am 02.04.1947 dafür eine Gewerbeerlaubnis erhalten hatte. Am 09.07.1948 wurde es in eine GmbH mit der Bezeichnung „Georgia Fabrik chemisch-technischer und kosmetischer Erzeugnisse GmbH“ umgewandelt. Teilhaber waren Fritz Gummert und Wally Freytag geb. Ziebach, die auch als Geschäftsführerin eingesetzt wurde.

Dass die Zweigstelle zu einem eigenständigen Unternehmen umgewandelt wurde, war  nicht ungewöhnlich. Hintergrund war die Sorge, dass bei einer Enteignung einer Firma im Ostteil auch die Vermögenswerte, Kontakte und Rezepturen im Westteil enteignet worden wären. Im Westteil befanden sich das Know-How, die Kontakte und das Geld, im Ostteil wurde produziert. Hier dürfte eventuell auch der niedrigere Lohn im Ostteil einen Ausschlag gegeben haben.

Beeindruckend ist die Liste der Sachgüter, die aus dem Gewerbebetrieb in die GmbH eingebracht wurden: 1565 Flaschen des Duftes Seranade und 200 Flaschen des Duftes Crepon. Der Gewerbetrieb hatte also über 1700 Flakons produziert und noch nicht ausgeliefert.

Abb. 02: Flakon mit Duft Serenade der Firma Georgia, wahrscheinlich vor April 1947 – es ist noch Berlin Steglitz angegeben

Als Produktnamen sind nur Seranade (Abb. 02) und Crepon überliefert, leider ohne Angabe, ob es sich um Parfüm, Eau de Cologne oder Eau de Toilette handelt.

Die Firma Georgia fällt besonders durch sehr ansprechende Werbung in den Magazinen der Stadt auf (siehe Abb. 3 und Abb. 5).

Im Februar 1947 zeigt das Adressfeld der Werbung in der Abbildung 03 noch den kompletten Standort in Steglitz an. 1948, nach der Gründung der Nebenstelle in Berlin-Ost, wird nur noch mit Georgia GmbH Berlin geworben.

Abb. 03: Werbung in der Zeitschrift „Weite Welt“ 02.1947 und 05.1948

Spannend ist auch ein Bericht aus der englischen Tageszeitung „The Sphere“, in dem über eine Handels- und Industriemesse im Steglitzer Park von 1948 berichtet wird (Abb. 04).

Hier war die Firma Georgia mit einem eigenen Stand vertreten, wie im Vordergrund auf der Zeitungsaufnahme zu sehen ist. Im Hintergrund stehen einige Zelte, die wahrscheinlich als Ausstellungstände genutzt wurden.

Welche Produkte hier ausgestellt wurden und ob diese Produkte auch gekauft werden konnten, ist nicht bekannt. Bestimmt war das politische Zeichen, nämlich eine Messe im amerikanischen Sektor, auch ein wichtiger Grund für deren Durchführung. Zumal im August 1948 Berlin durch die Berlin-Blockade schon drei Monate abgeschnitten war, so dass keine Waren und Güter über die Straße transportiert werden konnten.

Abb. 04: Ausschnitt aus „The Sphere“ vom 21. August 1948

Das Geschäft muss relativ erfolgreich gewesen sein. In einer Selbstauskunft vom 20. Februar 1949 gab die Firma Georgia in Berlin-Friedrichsfelde als Belegschaft zwei kaufmännische Angestellte und 11 gewerbliche Arbeitnehmer an.

1949 oder 1950 kam es anscheinend zum Streit zwischen den beiden Gesellschaften im West- und Ostteil von Berlin. Wally Freytag, Geschäftsführerin und Teilhaberin des Betriebs in Ost-Berlin, sollte abgelöst werden. Nach ihrer eigenen Aussage wollte der zweite Teilhaber sie als Geschäftsführerin loswerden, weil die Zusammenarbeit mit der Georgia GmbH in Berlin Steglitz nicht funktionierte. Ein entsprechender Briefwechsel liegt im Landesarchiv, einschließlich dem Hinweis von Wally Freytag, sich unter den Schutz des Wirtschaftsamts zu begeben.

Im Februar 1950 verkaufte Wally Freytag ihre Firmenanteile an Andela Peterova, Besitzerin der Georgia GmbH in Berlin-Steglitz; Fritz Gummert blieb Teilhaber der Firma.

Zu diesem Zeitpunkt war das Wirtschaftsamt in Ost-Berlin bereits informiert und reagierte. Am 19. Juli 1950 wurde die Gesellschaft im Ostteil von Berlin durch die Gesellschafter aufgelöst, und es wurden zwei Liquidatoren bestellt, die die Gesellschaft verwerten sollen. Wahrscheinlich war den Gesellschaftern bereits bewusst, wie das Wirtschaftsamt reagieren würde.

Am 25.09.1950 wurde die Firma unter Treuhand gestellt und am 28.09.1950 die VVB Berlin-Chemie (Vereinigung Volkseigener Betriebe Berlin-Chemie) als Treuhänder der Firma Georgia in Berlin-Ost eingesetzt.

Die erteilte Genehmigung zum Betrieb des Gewerbetriebs wurde am 25. September 1950 widerrufen.

Am 31.3.1952 wurde die Firma in Berlin-Ost mit 6000,- DM offenen Verbindlichkeiten aufgelöst.

Abb. 05: Werbung aus „Mosaik“ von 02.1948 und „Palette“ Heft 24 von 1948

Der weitere Verlauf der Georgia GmbH ist im Wirtschaftsarchiv belegt, wo die Unterlagen der Georgia GmbH in Berlin-Steglitz archiviert sind.

Bei der Auskunft für das „ABC der Berliner Wirtschaft“ aus dem Jahre 1951 gibt die Georgia GmbH in Berlin Steglitz als Produkte Parfüms, Kölnisch Wasser, Lavendel, Cremes, Gesichts- und Rasierwasser an, sowie als Spezialität die „Produktion von Eau de Cologne in Sonderflaschen“. Leider liegen keine Informationen oder Objekte zu dieser Spezialität vor. Es wäre sehr interessant, welche außergewöhnlichen Flakons hier produziert wurden.

Im April 1953 wurde die Georgia GmbH in Berlin-Steglitz aufgelöst und als Einzelunternehmen weitergeführt. Sie firmierte nun unter: Georgia Parfümerie und Kosmetik Nachfolger Andela Peterova.

Am 31.07.1957 wurde der Gewerbebetrieb auch in Berlin-Steglitz eingestellt.

Aber die Geschichte ging weiter. Wie eine sehr interessante Akte des Landesarchivs zeigt, „fand“ man im Februar 1959 ein altes Konto bei der Bank für Groß-Berlin (der damaligen Ostzentralbank, auch Stadt-Kontor genannt). Im Rahmen der Klärung, wem das Geld auf dem Konto zustand, ist ein umfangreicher Schriftwechsel überliefert. Dieser dokumentiert sehr gut die Geschichte der beiden Firmen in der Gründungsphase.

In Ost-Berlin ging man davon aus, dieses Geld gehöre zu der enteigneten Firma in Berlin-Friedrichsfelde, in West-Berlin bestand natürlich der Wunsch, dass das Geld der Georgia GmbH in Berlin-Steglitz gehören solle.

Letztendlich handelte es sich um ein altblockiertes Konto (bei der Währungsumstellung gesperrt und nie umgewandelt oder abgerufen). Es muss also spätestens 1948 eröffnet worden sein. Die Lösung des Problems findet sich, laut der entsprechenden Briefwechsel, in den Daten für die Firmengründungen. Das „gefundene“ Konto entstand durch eine Umwandlung des Kontos der Georgia GmbH aus dem Jahre 1946. Die Georgia GmbH in Berlin-Friedrichsfelde, also Ost-Berlin, wurde erst 1947 gegründet und konnte damit nicht die Eigentümerin sein. Damit konnte das Geld nur der Georgia GmbH in Berlin-Steglitz gehören, die das Geld letztendlich auch bekommen hat.

Text: Roman Goerkis

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