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Heute vor 95 Jahren: Europa-Pressedienst Tischert

Europa-Pressedienst – ein Name, der an große und kleine Schlagzeilen aus aller Herren Länder denken lässt. An Nachrichten aus Politik und Kultur, vielleicht über Reise und Abenteuer, fremde Völker und die Geschehnisse der großen weiten Welt im heimischen Wohnzimmer versprach. Bis auf einige Ausnahmen galt das Hauptinteresse des Begründers und Inhabers Hans Tischert jedoch vornehmlich der deutschen Wirtschaft.

Als Sohn eines Börsenjournalisten am 9. Dezember 1904 in Berlin-Wilmersdorf geboren, erhielt er die ersten Einblicke in die Welt des Handels wohl von Vater Georg. Nach seinem Abschluss am Werner-Siemens-Realgymnasium, damals als eine der fortschrittlichsten Schulen Berlins betrachtet, trat er eine Lehre bei der etablierten Vossischen Zeitung an.

1923 meldet Hans Tischert dem Amtsgericht Charlottenburg die Gründung seines Zeitungs-Nachrichtendienstes, lässt diesen am 23. Mai in das Berliner Handelsregister eintragen – und belieferte „über 400 in- und ausländische Zeitungen“, wie es in einer Handelsauskunft heißt.
Gegen Ende der 1920er Jahre nahm seine Dokumentation nicht nur stadt-, sondern auch deutschlandweit bekannter Firmen erste Gestalt an. 1929 erschien der erste Band seiner „Stätten deutscher Arbeit“ – Portraits namhafter Unternehmen und Unternehmer, mit Abbildungen der Betriebsstätten und Werkgelände versehen.

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Wie arbeitete Tischert? Er schrieb die Unternehmen an, um sie zu Recherchezwecken zu besuchen, nutzte zur Unternehmensauswahl u.a. Firmenjubiläen, Patentanmeldungen und Expansionen – ein Beitrag in einem seiner Bücher sollte ja schließlich auch gute Werbung sein. Allerdings schien er dabei gelegentlich etwas zu übereifrig – bei der Industrie- und Handelskammer Berlin gingen immer wieder Nachfragen nach seiner Tätigkeit und seinem Wirkungskreis ein. Manche Unternehmen fragten misstrauisch nach, etwa die Friedrichshütte AG, die argwöhnt: „Er besuchte hier im Raum einige Werke der Eisen schaffenden Industrie, fragte nach deren Geschichte und machte Tonbandaufnahmen. Wir sind nicht im Klaren, welche Absicht damit verfolgt wird (…).“ Die Hohenlimburger Walzwerke stellen gar fest: „Sein Verhalten unseren Herren gegenüber hat grosses Befremden erregt. Wir haben zunächst eine Geschäftsverbindung abgelehnt.“ Nachforschungen über seine Person führten zunächst zu keinem Ergebnis, in Fachkreisen von Wirtschaftsjournalisten war er niemandem bekannt. „Wir laden ihn nicht zu unseren Pressebesprechungen ein; auch zu den geselligen Veranstaltungen der Wirtschaftsjournalisten wird er nicht herangezogen“, hieß es in einem Antwortschreiben der IHK im Dezember 1953.

Endlich aber konnten die richtigen Personen in der IHK Berlin angesprochen werden, die schon einmal einen Band der „Stätten“ in der Hand gehabt hatten. Herr Dr. Hoffmann von der IHK Berlin schrieb in einem Telex vom 17. Januar 1958 an seinen Kollegen Dr. Schürmann von der IHK Wuppertal: „seine monographien ‚staetten deutscher arbeit‘ sind nicht schlecht. Jeder firma wird es aber ueberlassen bleiben muessen, selbst zu entscheiden, ob sie sich von der aufnahme in diese sammelbaende einen werblichen nutzen fuer sich selbst verspricht.“

Mit Herausgabe des 14. Bandes im Jahre 1957 erschien ein Verzeichnis aller in den vorangegangenen Ausgaben behandelter Unternehmen mit dem Titel „Firmen von Weltruf stellen sich vor“. Darunter Atlas-Werke AG, Deutsche Kap-Asbest-Werke AG, A. W. Faber-Castell, Pelikan, Adam Opel AG, Telefunken, Torpedo-Werke AG, Carl Zangs AG, Volkswagenwerk GmbH, UHU-Werk, Joh. Vaillant KG. Die „Stätten deutscher Arbeit“ wurden in er Buchdruckerei Gebr. Feyl in der Kreuzberger Friedrichstraße gedruckt und hundert Meter weiter in der Neuenburger Straße bei Josef Godry gebunden. Sie erreichten immerhin eine Gesamtauflage von über 170.000 Exemplaren.

1958 gab Tischert seinen Geschäftssitz in Berlin auf, zog nach Dilsbach bei Heidelberg und führte hier sein Werk weiter. Im Folgejahr erschien der 15. und letzte Band seiner Wirtschaftsmonographien. Über seinen weiteren Verbleib ist nichts bekannt – auch nicht, ob er zu Lebzeiten vielleicht doch noch einen Platz in der Fachwelt erobern konnte. Sicher ist jedoch, dass seine Momentaufnahmen aus 30 Jahren die deutsche Industriegeschichte vor und nach dem 2. Weltkrieg überdauert haben und heute ein deutliches Bild seines Wirkungskreises zeichnen. Sein Geschäftsmodell kann man als frühes History Marketing bezeichnen – und das ist heute wieder sehr modern: die eigene Unternehmensgeschichte als Werkzeug des Marketings einzusetzen.

Text: K. Rix / B. Berghausen

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