Wirtschaftsgeschichte
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Kaufhaus Rudolph Hertzog

Rudolph Hertzog eröffnete 1839 in der Breiten Straße in der Nähe des Stadtschlosses eine „Manufactur-Waaren-Handlung“, aus der das größte Kaufhaus Berlins werden sollte. Das Kleider- und Möbelgeschäft bot „Cattunen, Damasten, Ginghams, Thybets, Merinos, Mousselins de Laine, Mull, Gaze, Englischen Köper und Hemdenflanell, Reiferöcke und dazu eine Auswahl an Trauerartikeln in jedem Genre“ an – und dies zu „soliden, festen Preisen“, auf die sich die Kunden verlassen konnten. Das war ein keineswegs alltägliches Angebot und verhalf dem Kaufhaus schnell zu wirtschaftlichem Erfolg.

Ein Einkaufsparadies

Hertzog war eines von den aufstrebenden Großkaufhäusern an der Berliner Einkaufsmeile – damals die Leipziger Straße. Klangvolle Namen wie das Kaufhaus N. Israel, Heinrich Jordan,, Hermann Tietz und Wertheim lockten die Großstädter in Scharen.

20160703__Rudolph_HerzogDas vornehme Publikum im Schloßviertel lernte auch bald den aufwändigen Katalog und die jahresweise erscheinende „Agenda“ schätzen, in der Hertzog nicht nur Informationen über Sehenswürdigkeiten, Theaterpläne und Gasthöfe lieferte, sondern im Kalenderteil auch vermerkte, an welchem Tage die Kundschaft Warenlieferungen nach neuester Mode zu erwarten hätte. Ein einziger Katalogjahrgang hätte aufgestapelt den Mount Everest an Höhe übertrumpft! Bald schon machte der Versandhandel einen großen Teil des Geschäftes aus: 1914 verschickte Rudolph Hertzog 4.500 Pakete am Tag. 6,8 Kilometer Bindfaden wurden jährlich dafür aufgebracht, 204 Tonnen Lederpappe und 290.000 Reichsmark Porto.

Doch auch für die Laufkundschaft scheute das Kaufhaus keine Mühen: Nachdem Hertzog zunächst Haus für Haus das gesamte Karree zwischen Breite Straße und Brüderstraße aufgekauft hatte, wurde 1908/09 ein moderner Einkaufspalast errichtet. Das Gebäude am Petriplatz nördlich der Leipziger Straße diente der Philosophie, „dass jeder Anspruch, der einfache wie der weitgespannteste, seine Befriedigung findet und dass für das schlichte Bürgerheim ebenso umsichtig gesorgt ist wie für die palastartige Einrichtung.“ Nicht von ungefähr stattete Hertzog die Luxusdampfer des Norddeutschen Lloyd aus. Das Kaufhaus war von 800 Bogen- und 4.000 Glühlampen erleuchtete und besaß 15 Personenfahrstühle und viele Lastenaufzüge, die von sechs Siemens-Schuckert-Motoren und  Dynamomaschinen mit Strom versorgt wurden. 2.300 Angestellte empfingen die kauflustigen Kunden, darunter allein 800 Hausdiener, die wie Fremdenführer durch die drei Stockwerke des Hauses führen konnten.

Kaufhaus Hertzog 1910

Kaufhaus Hertzog 1910

1948 wurden die Enkel des Firmengründers in der Sowjetzone enteignet und versuchten am Tauentzien und in Friedenau einen Neuanfang, der jedoch scheiterte. Am 17. November 1955 ist die Firma erloschen, nachdem zuvor das Versandhandelsgeschäft noch an Neckermann verkauft worden war. Das bemerkenswerte Kaufhausgebäude aber steht noch zum Teil und wird – nachdem es als „Jugendmodezentrum Brüderstraße“ die DDR überwintert hat – als Vorzeigefassade die geplante Großwohnsiedlung am neu gestalteten Petriplatz schmücken.

Hertzog heute

Fahrstuhl der Fa. Diem (Foto: BBWA)

Fahrstuhl der Fa. Diem (Foto: BBWA)

Nachdem Archäologen am Kaufhausstandort die Bodenfunde rings um den Petriplatz gesichert hatten – immerhin befand sich hier eines der ältesten Stadtviertel der Doppelstadt Berlin-Cölln –, konnte nun begonnen werden, das Kaufhaus wieder herzustellen. Es soll im kommenden jahr sowohl Büros Platz bieten als auch in einem angebauten Neubau Wohnraum schaffen. Der Investor, der am 29. Juni zum Richtfest einladen konnte, legt dabei Wert auf die historischen Akzente des Kaufhauses, etwa die Fahrstühle mitsamt ihren kunsthandwerklichen Gittern und die aufwändige Marmortreppe, die alle fünf Stockwerke des Kaufhauses verbindet.

Umbau und Neubau des Kaufhauses Hertzog (Foto: BBWA)

Umbau und Neubau des Kaufhauses Hertzog (Foto: BBWA)

4 Kommentare

  1. Helga Ringeltaube sagt

    Guten Tag, ich bin in diesen Tagen über ein Fundstück aus der Truhe der Familienbesitztümer gestolpert: ein Herrenhemd mit dem Etiquett Rudolph Hertzog – Berlin C. Es muss möglicherweise meinem Grossvater gehört haben, der ca. 1912 von Berlin nach Montevideo, Uruguay (wo ich wohne) ausgewandert ist, aber danach mehrmals wieder in Berlin war und auch dort später geheiratet hat. Gerne würde ich ein Foto von dem Etiquett und dem Kleidungsstück senden, wenn Sie mir eine e-mail Adresse oder whatsapp-Nr. geben, falls Sie daran Interesse haben. Übrigens, nach einigem Bleichen an der Sonne, ist das Hemd in fabelhaftem Zustand! Freundliche Grüsse!

  2. Dr. Alexandra E. Jellinek sagt

    Sehr geehrter Herr Bergmann! Mit großem Interesse habe ich als Urururgrossnichte von Rudolph Hertzog die historische Aufbereitung unseres damaligen Besitzes gelesen. Natürlich ist so manches noch ergänzungdwürdig, wie die Tatsache, dass z. B. auch das Hotel Adlon aufgrund großer finanzieller Schwierigkeiten auch meinem Urururgrrossvater übereignet wurde. Die Schulden an Rudolph Hertzog waren einfach nicht mehr anders zurückzuzahlen.—Sehr freuen würde ich mich über eine Kontaktaufnahme, da in meinem Familienfundus noch etliche Schätze schlummern, die zur weiteren Erschließung der Kaufhausdynastie Rudolph Hertzog führen. Mit interessierten Grüßen, Dr. Alexandra E. Jellinek

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