Archivgut, Wirtschaftsgeschichte
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Unter der Lupe – Die Motorenfabrik Heinrich Kämper

Der 23-jährige Diplom-Ingenieur für Maschinenbau Heinrich Kämper kommt um die Jahrhundertwende aus dem Rheinland nach Berlin und gründet dort am 2. Januar 1901 die „Heinrich Kämper Motorenfabrik Kommanditgesellschaft“. Er glaubt an den Motor und seine Zukunft.

Der erste Kämper-Benzinmotor von 1901 (BBWA B220/2018)

In seiner kleinen Werkstatt in der Kurfürstenstraße. 146 im Westen Berlins stellt er seinen ersten Einzylinder-Benzinmotor mit 3,5 PS her, der für Kraft- und kleine Wasserfahrzeuge verwendet wird. Dieser Motor zeichnet sich durch seine für damalige Verhältnisse gute Ökonomie und seine Zuverlässigkeit aus. Kämper unternimmt auch erste Forschungsversuche mit einem luftgekühlten Motor.

In den nächsten Jahren entwickelt er verschiedene Benzinmotoren mit unterschiedlichen Leistungsstufen bis maximal 16 PS, von denen er einige auf der Deutschen Automobilausstellung in Berlin 1903 erstmalig präsentiert. Als Pionierarbeit wird die Herstellung eines 6-Zylinder-Motors mit 150 PS angesehen, die er mit seiner mittlerweile 20-köpfigen Mitarbeiterschaft vollbringt. Dieser Motor wird aber mutmaßlich wegen des hohen Brennstoffverbrauchs nicht weiter produziert.

Hafendirektions-Boot mit 85 PS Kämper-Dieselmotor (BBWA B220/2018)

Eine wichtige Gruppe in der Fabrikation nehmen die Bootsmotoren ein, die bei Besitzern von  Renn- und Jachtbooten immer beliebter werden. Da die Geschäfte gut laufen, verlegt Kämper 1906 den Standort und mietet größere Räumlichkeiten auf dem Gelände der Schulz‘schen Kunstmöbelfabrik in der Burggrafenstraße 1 (heute: Seelbuschring 9-17) in Mariendorf an. Dort lässt er Bootsmotoren für Hamburger Hafenbarkassen und auch für die sich im Aufbau befindende Teltowkanal AG bauen. Die Produktpalette wird erweitert: Neben Motoren für Spezialkompressoren bei Borsig verlassen auch Motoren mit 24 PS für die sogenannten Motorpflüge die Werkshalle, die die vorherigen Dampfpflüge in der Landwirtschaft ersetzen. Die Verlässlichkeit und Qualität der Fabrikate sprechen sich herum, so dass 1907 speziell für ungarische Kunden 35-, 52- und 70-PS-Motoren in Serie hergestellt werden können.

Fabrikgelände in der Großbeerenstraße 46-48 mit einer 1923 erbauten Halle (links) (BBWA B220/2018)

Die Erfolgsgeschichte geht für Heinrich Kämper weiter. So zieht das Unternehmen 1915 abermals auf ein größeres Gelände, das 1916 auch käuflich erworben wird. In der Großbeerenstraße 46-48 (heute: 147) in Marienfelde bleibt es bis zu seiner Auflösung im Jahr 1969. Das Fertigungsprogramm wird auf Einbaumotoren für Lastkraftwagen und Zugmaschinen ausgedehnt. Diese bilden eine weitere wichtige Säule in der Produktion.

Teilansicht der Fertigungshalle für Großteile (BBWA B220/2018)

Anfang der 1920er Jahre fokussiert sich Kämper auf die Entwicklung eines Dieselmotors und finanziert diese Forschung durch die Gründung der „Heinrich Kämper Motorenfabrik Aktiengesellschaft“ im November 1921. In der Folge entstehen verschiedene Dieselmotortypen. Der Dieselmotor wird die wichtigste Säule im Betrieb, da seine Wirtschaftlichkeit bestechend ist: Dieselkraftstoff kostet nur halb so viel wie Benzin, und bei gleicher Leistung in PS wird nur halb so viel Kraftstoff verbraucht wie beim Benzinmotor. Als besonders gelungenes Modell gilt 1928 ein 4-Zylinder-Motor mit 60 PS, der sogenannte „Kämper-Diesel“. Verwendung findet er in Ackerschleppern und Straßenzugmaschinen, Raupen, Kleinlokomotiven, Seilbaggern und auch als Stationärmotor (auch Standmotor). Aber auch Schiffsdiesel von z.B. Rettungs-, Zoll- und Feuerlöschbooten werden damit ausgerüstet. Ein Dieselmotor mit einem gekuppelten Drehstromgenerator mausert sich zu einem starken Exportartikel. Der Kämper-Diesel gewinnt dank seiner Zuverlässigkeit sogar den ersten Preis bei einem internationalen Wettbewerb in der Sowjetunion.

Aktie vom Juli 1934 (BBWA S2/16/509)

In den Dreißiger Jahren wird die Firmengeschichte etwas nebulös, denn Heinrich Kämper schied 1934 aus dem Vorstand. Ob er andere Funktionen im Unternehmen übernimmt, ist nicht bekannt, aber sehr unwahrscheinlich. Der Name „Heinrich Kämper Motorenfabrik AG“ besteht jedoch noch bis 1936 und wird erst in jenem Jahr in „Kämper Motoren Aktiengesellschaft“ geändert. Ob Kämpers Rückzug mit der Machtergreifung zusammenhängt, liegt ebenso im Reich der Spekulation. Das nächste und einzige überlieferte Lebenszeichen von ihm ist ein Patent für Filter-Ölkühler aus dem Jahr 1952, das seinen Wohnsitz als Lippstadt in Westfalen ausweist.

Die „Kämper Motoren AG“ aber besteht weiter und wird 1942 in die Duisburger DEMAG eingegliedert, die Deutsche Maschinenbau-Aktiengesellschaft, die Lokomotiven, Güterwaggons und im Zweiten Weltkrieg auch Panzer herstellt. Auf dem Werksgelände müssen zu dieser Zeit auch Zwangsarbeiter ihren Dienst verrichten, u.a. sowjetische Kriegsgefangene. Das Werk wird im Krieg zu 80 Prozent zerstört und noch vorhandenen Werkzeugmaschinen werden 1945 demontiert.

Verwaltungsgebäude 1950 (BBWA B220/2018)

Nach dem Wiederaufbau geht die Produktion langsam voran. Ab 1948 firmiert das Unternehmen wieder unter dem Namen „Kämper Motoren AG“ und ab 1951 nach der Wertpapierbereinigung als „Kämper Motoren GmbH“, wobei die DEMAG zu 98 Prozent am Grundkapital beteiligt ist. Es hat sich zu seinem 50-jährigen Jubiläum konsolidiert und stellt wieder die altbekannten Boots- und Einbaumotoren für Lastwagen und Stromerzeugungsanlagen her. Zur Jubiläumsfeier erscheinen der Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Der damalige Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard und viele Wirtschaftsverbände senden Telegramme.

Stadtverkehr-Omnibus mit Kämper Dieselmotor in Buenos Aires (BBWA B220/2018)

Das Ansehen ist nicht nur im Inland sehr groß, Kämper-Motoren werden auch in die Niederlande, nach Belgien, Portugal, Italien, Südafrika und Südamerika exportiert.

Dieser Erfolg kann jedoch nicht bis zum Ende der 1950er Jahre fortgesetzt werden. Ein Problem war die Bestechung und Beförderung von Betriebsratsmitgliedern und die dadurch steigende Unzufriedenheit der Arbeiterschaft im Kampf um ihre Rechte. Dazu kam eine hohe Arbeiterfluktuation, die sehr kostenintensiv war. Immer wieder schieden Arbeiter aus und neue mussten ausgebildet werden. Am 13. August 1961 verliert das Werk durch den Mauerbau an einem Tag 20 Prozent seiner Belegschaft. In den Jahren 1957-1959 macht das Unternehmen Verluste im sechsstelligen Bereich, in den Jahren 1960 und 1961 sogar 4,5 und 4,8 Mio. DM.

Briefkopf der DEMAG Kämper-Maschinenbau GmbH von 1963 (BBWA K1/1/118b)

So entschließt sich die DEMAG dazu, sich um einen internationalen Investor zu bemühen und findet diesen 1963 in der IBEC S.A. Genf (International Basic Economy Corporation), eine Tochtergesellschaft der IBEC New York. Deren Besitzer Nelson Rockefeller ist Gouverneur von New York. Das Stammkapital wird von 2 auf 5 Mio. DM erhöht, wobei die IBEC 60 Prozent an den Anteilen hält. Die Produktion wird auf hydraulische Steuer- und Regelelemente umgestellt.

Da eine Tochtergesellschaft der IBEC ähnliche bzw. ergänzende Erzeugnisse herstellt, wird 1964 der Name „Bellows-Valvair-Kämper GmbH“ für die neue Unternehmung gewählt. Diese hat jedoch nicht allzu lange Bestand, der Name Kämper verschwindet am 20. August 1969 vollständig als Firmenname, als sich das Unternehmen durch Beschluss der Gesellschafterversammlung auflöst. Noch im selben Jahr wird die „Bellows-Valvair-Deutschland GmbH“ gegründet, die den Firmensitz 1974 von Berlin-Marienfelde nach Heusenstamm in Hessen verlegt.

Text: Michael Jonietz

Quellen:

Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv (BBWA), Akte K1/1/118

Heisig, Matthias. Motoren, Karossen, Ingenieure – Das mobile Tempelhof. In: Bezirksamt Tempelhof (Hrsg.). Von Eisen bis Pralinen. Der Bezirk Tempelhof und seine Industrie. Berlin: HWN Werbung/Druckhaus Mitte, 2000, S.192-193, 213 (BBWA B 357/2010)

Kämper-Motoren Aktiengesellschaft. 50 Jahre Kämper Motoren. Jubiläumsschrift. Berlin, 1951 (BBWA B 220/2018)

Tischert, Hans. Kämper-Motoren Aktiengesellschaft Berlin Marienfelde. In: Tischert, Hans. Stätten deutscher Arbeit. Band 3. Berlin: Europa Pressedienst, ca.1951, S. 86-93 (BBWA)

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