Archivgut, Wirtschaftsgeschichte
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Ein neuer Bestand: Portraitfotos aus den Fotoateliers des Kaufhauses Jandorf

Vor kurzem erhielt das Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsarchiv eine Fotosammlung aus Privatbesitz geschenkt. Dabei handelt es sich um Portraitfotos von Kunden, die im hauseigenen Fotostudio des Kaufhauses Jandorf in Berlin zwischen 1900 und 1915 angefertigt wurden. Grund genug, einmal auf die interessante Geschichte dieses Unternehmens und seines Firmengründers zurückzublicken.

Fotosammlung aus den Fotostudios des Kaufhauses Jandorf (BBWA S1/03/49)

Dabei handelte es sich um den aus dem kleinen Dorf Hengstfeld im Nordosten Baden-Württembergs stammende Adolf Jandorf, dessen steiler geschäftlicher und gesellschaftlicher Aufstieg sich am besten mit den Worten „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ beschreiben lässt. Am 7. Februar 1870 als zweites von insgesamt sieben Kindern eines Bauern, Metzgers und Viehhändlers geboren, absolvierte er nach dem Abschluss der Volksschule zwischen 1884 und 1887 eine kaufmännische Lehre in einem Manufakturgeschäft in Bad Mergentheim. 1890 lernte er anlässlich einer New-York-Reise die damals modernsten Warenhäuser ihrer Zeit kennen und schätzen. Danach arbeitete Jandorf für das Hamburger Textilhandelsunternehmen M. J. Emden Söhne, wo seine Talente schnell der Geschäftsführung auffielen. Im Alter von gerade mal 22 Jahren wurde er vom Firmeninhaber Jakob Emden mit dem Aufbau eines kleinen Textilgeschäfts in Berlin beauftragt, das er nach nur sechs Wochen am Spittelmarkt, Ecke Leipziger Straße unter dem Namen A. Jandorf & Co, Hamburger Engros Lager eröffnete. Durch die niedrigen Preise wurde das Geschäft sehr schnell zum „Volkswarenhaus“ für die Berliner Arbeiter, so dass Jandorf bereits nach kurzer Zeit erweitern musste.

Die Geschäftsentwicklung verlief dermaßen erfolgreich, dass er 1898 mit gerade mal 28 Jahren sein zweites Warenhaus in Kreuzberg eröffnen konnte. Weitere vier Filialen folgten zwischen 1901 und 1906 in Friedrichshain, Mitte, Charlottenburg und Kreuzberg. Der Höhepunkt der Firmengeschichte war zweifellos die Eröffnung des weltberühmten KaDeWe am Wittenbergplatz im Jahr 1907, mit der Adolf Jandorf im Gegensatz zu seinen anderen Warenhäusern auf das Bürgertum und den Adel als Kunden abzielte. Das KaDeWe avancierte schnell zum Aushängeschild des deutschen Warenhauses und Adolf Jandorf gehörte nun zu den größten Warenhausbetreibern Deutschlands.

Fotosammlung aus den Fotostudios des Kaufhauses Jandorf (BBWA S1/03/38)

Doch nicht jeder gönnte ihm seinen Erfolg. Die hohen Umsätze der Warenhäuser gingen nämlich zu Lasten der zahlreichen kleinen Einzelhändler, die deswegen um ihre Existenz fürchteten und die Warenhäuser erbittert bekämpften. Immer häufiger wurde diese Debatte auch mit antisemitischen Untertönen aufgeladen, da sich fast 80 Prozent der deutschen Warenhäuser in der Hand jüdischer Familienunternehmen befanden. Die Nationalsozialisten griffen dies bereitwillig auf und beschworen schließlich seit den 1920er Jahren den Kampf der „deutschen Händler“ gegen die „jüdischen Warenhäuser“.  Den traurigen Höhepunkt stellte schließlich die „Arisierung“ sämtlicher jüdischer Warenhauskonzerne in den 30er Jahren dar.

 

Fotosammlung aus den Fotostudios des Kaufhauses Jandorf (BBWA S1/03/74)

Adolf Jandorf musste dies allerdings nicht mehr miterleben: seine Firma geriet durch den Ersten Weltkrieg, durch die allgemeinen wirtschaftlichen Probleme Anfang der 20er Jahre und die schwierige politische Lage in Berlin in finanzielle Schwierigkeiten, konsolidierte sich aber wieder. Den Tod seiner Ehefrau im Jahr 1920 verkraftete Adolf Jandorf allerdings nicht mehr und entschloss sich 1926 zum Verkauf seiner Firma an den Warenhauskonzern Hermann Tietz OHG. Dessen jüdische Eigentümerfamilie Tietz wurde 1934 zum Verkauf gezwungen und die Firma unter dem neuen Namen Hertie, der vielen Menschen auch heute durchaus noch bekannt ist,  weitergeführt und aufgrund von langjährigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten Ende 1993 an den Karstadt-Konzern  verkauft. Jandorf selbst zog sich in sein Privatleben zurück und starb am 12. Januar 1932 in Berlin.

Von den Jandorf-Filialen werden heute nur noch das KaDeWe und die Filiale in Charlottenburg als Kaufhäuser betrieben. Die anderen Filialen wurden entweder im Krieg zerstört oder werden mittlerweile zu anderen Zwecken verwendet.

Text: Christian Rump

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