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Die chemische Wasch-Anstalt und Färberei D. Coundé

Während der Erschließung der Werbe-, Sammel- und Reklamemarkensammlung zeigt ein neugieriger Blick in das Adressbuch des zufällig gewählten Jahres 1914, dass sich in der Wilmersdorfer Straße 74 eine Färbereianname der Firma „D. Coundé“ im gleichen Haus befand, wie die Firma „Reklamemarken A. H. F. Franz“. Vielleicht führte also ein nachbarschaftlicher Stups zu dieser 43mm x 56mm kleinen Werbemarke, welche mit sage und schreibe 75 Filialen warb.

In den 1840er Jahren zog es viele aufstrebende Unternehmer aus allen Ecken der preußischen Gebiete in das wachsende, mit der gerade beginnenden Industrialisierung sympathisierende Berlin. Ihre Geschäftsideen ließen die Metropole weiter rasant wachsen und ebneten so den Weg für sowohl innovative Vorhaben als auch den Zuwachs altbewährter Dienstleistungen.

Unter diesen Zuwanderern befand sich vermutlich auch der spätere Inhaber der Färberei und Waschanstalt „D. Coundé“. Laut Geschäftsanzeige im Berliner Adressbuch wurde die Firma bereits 1848 gegründet – zunächst finden sich jedoch lediglich Einträge für den Kaufmann und Färberei- bzw. Farbenwarenhändler Carl Hetschingk. Der erste Eintrag unter dem Namen „D. Coundé“ erscheint erst 1858 für zwei Filialen in der Berliner Innenstadt.

Anzeige aus dem Berliner Adressbuch von 1874.

Eines der Annahme-Lokale befand sich demnach in der Friedrichstraße 58. An dieser Stelle sollte der Architekt Robert Leibnitz 1908 das Berliner Mädler-Haus errichten, das noch heute steht. Die zweite Filiale befand sich An der Spandauerbrücke 5, am heutigen Hackeschen Markt.

Bereits 1859 wurde zusätzlich mit einer Druckerei und Reinigungs-Anstalt geworben, der Betrieb war auf vier Filialen gewachsen und konnte sich nun ebenfalls in der Friedrichstraße und am Schlossplatz behaupten. Auch in den folgenden Jahren florierte das Geschäft, weitere Annahme-Lokale wurden eröffnet. Bald war in jedem Berliner Bezirk und Vorort auf oder über mindestens einem Schaufenster „D. Coundé“ zu lesen.

Die Angebotspalette wurde ständig erweitert und Dank der fortschreitenden technischen Entwicklungen konnte nahezu jedes Produkt der Textilindustrie in einer der Hetschingkschen Wäschereien abgegeben werden – vom Federschmuck bis zum Sofakissen, vom Seidenschal bis zur Paradeuniform.

Mit Einführung, wenn nicht Erfindung, der „Expressreinigung“ blieb so auch beim Kunde kaum ein Wunsch unerfüllt: „… er stellte kleine Kabinen für die Kunden zur Verfügung, in denen diese Kaffee, einen Imbiss usw. serviert bekamen und Zeitung lesen konnten, während ihre Hosen oder Jacketts gereinigt oder aufgebügelt wurden“, wie Marion Fennel-Stüber in ihrer Autobiografie Transformationen: der Weg nach vorne führt zurück (2012) über ihren Urgroßonkel schreibt.

Bildquelle: Die Gross-Industrie Oesterreichs. Festgabe zum glorreichen fünfzigjährigen Regierungs-Jubiläum seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I. dargebracht von den Industriellen Oesterreichs 1898, Bd. 4, Wien: Leopold Weiss 1898, S. 399-400.

1873 nimmt die Firma an der Weltausstellung in Wien teil, auch hier wird als Inhaber Carl Hetschingk angeführt. Zu diesem Zeitpunkt waren auch Zweigstellen in Hamburg, Magdeburg und Breslau zu finden. Die erste Filiale auf österreichischem Boden wurde 1877 in Währing eröffnet. Nur zwölf Jahre später waren es bereits 20, von denen sich alleine 16 auf Wien verteilten.

Des Weiteren wurden andere Geschäfte in den eigenen Betrieb mit aufgenommen. Ein solches war die Färberei und chemische Waschanstalt „Nachf. C. L. Schultze jun.“, als deren Inhaber seit 1890 Hugo Hetschingk genannt wurde. Vater Carl war bereits 1887 verstorben. Hugos Frau Else (geb. Elsbeth Schmidt) scheint noch Jahre nach dem Tode ihres Mannes im Jahre 1908 die Geschicke der Firma mitgelenkt zu haben. Sie starb 1951.

Mit steigendem Umsatz und Bekanntheitsgrad ließ Kurt Hetschingk den von seinem Vater Hugo geerbten Betrieb schließlich 1912 als Aktiengesellschaft im Berliner Handelsregister aufnehmen. Dieser folgte 1920 die „D. Coundé Vertriebs-GmbH“, welche ebenfalls in der Rungestraße 21 ansässig war – seit über 30 Jahren der Hauptsitz des Unternehmens.

Anzeige aus dem Berliner Adressbuch von 1912.

Forscht man ein wenig nach diesem Unternehmen im Internet, stellt man mit Erstaunen fest, dass kaum etwas zu finden ist. Lediglich diese eine Reklamemarke aus den frühen 1910er Jahren wird neben einigen Rabattmarken zum Kauf angeboten. Ob die Notwendigkeit solcher Werbemaßnahmen von der Geschäftsführung verworfen wurde (man war schließlich über die Grenzen Berlins hinaus bekannt), dieser Modeerscheinung wenig Beachtung geschenkt wurde (zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Reklamemarken der letzte Schrei im Marketing) oder andere Gründe für das Fehlen solcher Relikte bestanden, wird sich kaum klären lassen.

Die Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin verzeichnet die Liquidierungen der AG und GmbH für das Jahr 1933. Ab 1934 wird dennoch eine „Coundé-Valeteria GmbH“ am ehemaligen Firmensitz in der Rungestraße verzeichnet, welche, schließlich nach Wilhelmshagen umgezogen, zumindest bis 1946 weiterbestand. Auch der Name Hetschingk taucht in den Berliner Telefon- und Branchenbüchern nach 1943 nicht mehr auf.

Wie der Name „D. Coundé“ zustande kam oder ob sich dahinter tatsächlich eine Person verbarg, bleibt im Dunkeln.

Text: K. Rix

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