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Premiere des Industriespaziergangs durch Alt-Reinickendorf

Wenn man durch Alt-Reinickendorf läuft, hat man trotz vereinzelter Industriegebäude eher den Eindruck, sich in einem Dorf und nicht in einer Großstadt zu befinden und man fragt sich unweigerlich, wie sich diese Dorfiydille bis heute erhalten konnte. Am 22. August 2018 fand nun zum allerersten Mal der neu entwickelte Industriespaziergang durch Alt-Reinickendorf statt, der Antworten auf diese Fragen liefert. Der Geschäftsführer des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs, Björn Berghausen, führte die Teilnehmer durch den bis heute recht dörflich anmutenden Ortskern von Alt-Reinickendorf.Die ersten beiden Stationen sind das Bestattungsinstitut Theodor Poeschke und die Gaststätte Bahnhofsklause, heute „Latichte“, die in den einzige “großstädtischen” Wohnhäusern Alt-Reinickendorfs ansässig sind und die aufgrund ihrer Lage auf dem Weg vom Bahnhof zum damaligen Krankenhaus in der Teichstraße und zu den Industriebetrieben in der Nachbarschaft immer gute Geschäfte machten.

Die zweite Station stellen die Turbon-Werke dar, die Ventilatoren und andere lüftungstechnische Geräte produzierten. Zu deren bedeutendsten Produkten zählte der nahezu lautlose Ventilator, der in diesem heißen Sommer in vielen Büros die Arbeit erleichtert hat – so auch bei uns im Wirtschaftsarchiv. Nach der Aufgabe der Produktion in Reinickendorf 1971 ist der 1962 errichtete Neubau heute an diverse Kleingewerbebetriebe vermietet. Unsere nächste Station war die Sandbläserei der Gebrüder Polenz in Alt-Reinickendorf 35, die heute eine Gärtnerei beherbergt. Das bis heute erhalten gebliebene Bauernhaus erinnert an die Zeiten, als Reinickendorf im wahrsten Sinne des Wortes noch ein Dorf war, dessen Bewohner von der Landwirtschaft lebten. Dahinter errichteten die Gebrüder Polenz auf dem Grundstück weitere Gebäude für ihre Glasbläserei, deren besondere Spezialität die industrielle Beschriftung von Grabplatten aus Schwarzglas und Granit war.

Nächste Station ist das Amtshaus Reinickendorf, das mit Friedrich Wilke erst ab 1884 einen hauptamtlichen Gemeindevorsteher beherbergte, der durch seine klugen Entscheidungen das Wohl der Gemeinde Reinickendorf förderte und unter dessen Leitung die Gemeinde unter anderem mit einer Kanalisation und elektrischer Energie ausgestattet wurde.

Schraubenfabrik A. Schwartzkopff (Foto: BBWA/Meineke)

Schraubenfabrik A. Schwartzkopff (Foto: BBWA/Meineke)

An der evangelischen Kirche vorbei geht es nun zu den Firmengebäuden der Schraubenfabrik A. Schwartzkopff und der Maschinenfabrik Prometheus. Die Schraubenfabrik A. Schwartzkopff war Ende des 19. Jahrhunderts die erste große Industrieansiedlung am Reinickendorfer Dorfplatz und spiegelt die typische Berliner Bautradition von Industriebauten wieder: Diese wurden für gewöhnlich an der hinteren Grundstücksgrenze erbaut, um später hinter repräsentativen Wohnhäusern versteckt zu werden, die in diesem Fall aber nie gebaut wurden. Nach dem zweiten Weltkrieg produzierte die Firma Stolzenburg dort Büroartikel wie Aktenordner und Schnellhefter, gefolgt von der Firma Daimon, die dort Akkumulatoren und Dynamos herstellte. Heute residieren im mustergültig restaurierten Gebäude die Firma Lohmann & Birkner Healthcare Consulting und die Behindertenwerkstatt Mosaik e. V.. Die zum Automobilkonzern DKW gehörende Maschinenfabrik Prometheus produzierte Zahnräder, Getriebe und Achsen für Motorräder und Lastwagen, was ihr während des Zweiten Weltkriegs den Status als kriegswichtiger Betrieb bescherte. In der Nachkriegszeit konnte man nicht mehr an die Hochzeiten anknüpfen, da sämtliche Hauptabnehmer nun in der DDR saßen. 1982 wurde die Produktion in Reinickendorf eingestellt. Die Gebäude nutzt heute die Glaserei Plickert.

Unser Weg führt uns nun am ehemaligen BEWAG-Umspannwerk vorbei durch die enge Reihenhaussiedlung Luisenhof, die die Wohnungsnot nach dem ersten Weltkrieg lindern sollte, und am Friedhof Reinickendorf vorbei zum S-Bahnhof Alt-Reinickendorf.

Der Spaziergang durch Alt-Reinickendorf macht deutlich, dass die vor über hundert Jahren von den Reinickendorfern erhoffte Metamorphose vom Dorf zum Industrieviertel, wie etwa im Wedding stattfand, weitestgehend ausblieb. Aus diesem Grund blieb der dörfliche Charakter der Gegend bis heute erhalten. Der Spaziergang führt den Besucher in eine hochinteressante Gegend, in die man als Nicht-Reinickendorfer sonst mit ziemlicher Sicherheit niemals kommen würde

 

Text: Christian Rump

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