Archivgut, Wirtschaftsgeschichte
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Unter der Lupe – Hermann Wundrich – vom Tischlerhandwerk zur Futter- und Düngemittelhandlung

Ein kleiner Bestand, hauptsächlich bestehend aus 53 Rechnungen von und an einen Geschäftsmann namens Hermann Wundrich aus Lichtenrade, hat mich dazu gebracht, diesen Herrn einmal genauer zu beleuchten.

Lichtenrade 1903: Wir hatten das Kaiserreich, Deutschland stand auf der Höhe seiner Macht. Die Milliarden, die nach dem Krieg von 1870/71 aus Frankreich nach Deutschland flossen, die Proklamierung des Kaiserreichs und die Ausrufung Berlins zur Reichshauptstadt brachten einen gewaltigen Aufschwung. Berlin zog die Menschen aus Schlesien, Pommern, Ostpreußen und Westpreußen sowie aus der Mark Brandenburg und Sachsen wie ein Magnet an.“ (Quelle: Grundeigentümerverein Berlin-Lichtenrade e.V.)

Wurfzettel (BBWA U6/08)

Dieser Magnet zog im Jahre 1908 auch den 20jährigen Hermann Wundrich von Frankfurt/Oder nach Lichtenrade. Der gelernte Tischler arbeitete zunächst als Zeitungsreporter. Er erwarb ein Grundstück in der Geibelstraße und baute darauf ein einfaches Sommerhäuschen. Da er seit seiner Kindheit mit Kleintier-und Geflügelzucht vertraut war hielt er auf seinem Grundstück Hühner, die durch seine Fütterung mehr Eier legten als anderswo. Also begann er Versuche mit verschiedenen Futtersorten und künstlichen Düngemitteln. Sein Garten war sein Forschungsort.

Schon damals mussten die Siedler unter schwersten körperlichen Bedingungen Düngemittel aus Berlin nach Lichtenrade holen. Aus dieser Erkenntnis und mit dem stetigen Wachstum der Bevölkerung in Lichtenrade eröffnete Hermann Wundrich 1911 eine Futter- und Düngemittelhandlung in der Prinzessinnenstraße 3. Im selben Jahr gründete er auch den Geflügelzuchtverein Lichtenrade und wurde dessen Vorsitzender. Nach einem Jahr konnte bereits ein Pferd mit Wagen angeschafft werden und ein weiteres Jahr später waren es schon vier Pferde und einige Beschäftigte. Die Räume in der Prinzessinnenstraße wurden zu klein, und er zog 1913 in die Dorfstraße 8.

Geprägt von den Ereignissen im 1. Weltkrieg und der Inflation folgte eine wirtschaftliche Achterbahnfahrt. Nach einem ersten rationalisierungbedingten Einbruch wurde seine noch junge Firma vom Gemeindevorsteher und der Heeresverwaltung mit neuen Aufgaben, u.a. umfangreichen Lieferungen, beauftragt. Das half, die Krisenzeit gut zu überstehen.  Mit Einführung der Rentenmark im November 1923 kehrte auch wieder wirtschaftliche Stabilität ein. 1922 bezog er neue eigene Räume in der Dorfstr. 28 (heute Alt-Lichtenrade 129) und baute diese entsprechend für den Verkauf von Futter- und Düngemittel um. Da in jenen Zeiten der Unterversorgung Pflanzen- und Tierzucht lebensnotwendig waren, erzielte Wundrichs Warenangebot künstlicher Dünger und Spezialfuttermittel gute Gewinne. Er erhielt auf Ausstellungen und Messen mehrfach Auszeichnungen für seine Produkte. So konnte der Firmenausbau vorangetrieben werden.

Im Jahre 1927 wurde ein großer Speicher mit Gleisanschluss am Güterbahnhof Mahlow errichtet. Von hier aus belieferte die auf mittlerweile 40 Mitarbeiter gewachsene Firma die Waren mit insgesamt sechs Pferdewagen ins benachbarte Umland.

Rechnung an die Potsdamer Dampfmühle AG von 1936 (BBWA U6/08)

Der Bestand des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv enthält Rechnungen und Korrespondenz aus den Jahren 1929 bis 1938. Aus ihnen geht hervor, dass zu seinen Kunden die Potsdamer Dampfmühle AG und viele Güter im Land Brandenburg gehörten. Lieferanten waren in diesen Jahren vor allem die Torfstreuverband GmbH in Berlin und die NAGUT-Kraftfutterwerke GmbH in Lage.

Im Dezember 1943 zerstörte ein Bombenangriff fast das gesamte Anwesen und nach 1945 ging auch der Speicher in Mahlow verloren. Da es im Rahmen des Wiederaufbaus eine grundsätzliche Versorgung der Gartenbesitzer und Tierhalter mit allen notwendigen Waren gab, musste auch Hermann Wundrich auf die neue Situation reagieren. Zwar bildeten fortan weiterhin die Futter- und Düngemittel die Hauptgrundlage des Geschäftes, hinzu kamen im Laufe der Jahre jedoch auch Schädlingsbekämpfungsmittel und Baustoffe.

Hermann Wundrich hatte zwei Kinder, den leiblichen Sohn Reinhard und den Adoptivsohn Götz Uwe Fiedler. Reinhard Wundrich wurde 1949 als Mitinhaber aufgenommen und von seinem Bruder unterstützt. 1951 feierte die Familie das 40-jährige Geschäftsjubiläum. Am 17. März 1954 erhielt Reinhard Wundrich die Gewerbeerlaubnis und konnte die Firma im Sinne des Vaters weiterführen.

Der erfolgreiche Unternehmer war jedoch nicht nur Geschäftsmann. Er war auch in mehreren Vereinen ehrenamtlich tätig und kümmerte sich um die Infrastruktur in Lichtenrade. Er engagierte sich für den Ausbau von Straßen, deren Beleuchtung und für die Verlängerung der Straßenbahnlinie “99” nach Lichtenrade. Er arbeitete nebenbei auch stets gern redaktionell für das Teltower Kreisblatt und den Lichtenrader Anzeiger.

Wegen der engen Verbundenheit zu seiner Wahlheimat lag ihm die Ergründung und Dokumentation der belebten Geschichte des Bezirkes sehr am Herzen. So erschien im Jahre 1961 eine Publikation mit dem Titel “Vom Bauerndorf zur Gartenstadt” – die Hinterlassenschaft seiner Forschung. Hermann Wundrich verstarb 1972 im Alter von 87 Jahren.

Text und Header: Rene Meyer / Hauptquelle zum Text:  Marina Heimann 

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