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In 1140 Tagen um die Welt – ein persönlicher Rückblick

Für den 26.10.2017 ist die Überlieferung des Bildarchivs der Philipp Holzmann AG in die Räume des BBWA angekündigt. Dem großen Ereignis wohnte ich nicht bei – aber Blog sei Dank entgeht es mir nicht. Auch die Vorbereitungen fanden ohne mich statt, da sich der Hauptteil der Einrichtung des neuen Fotomagazins nach meinem Praktikum zutrug.

Um so aufgeregter war ich bei meinem Dienstantritt im Januar 2018, als ich den neuen Bestand persönlich in Augenschein nehmen konnte. Aus dem fiebrigen Kribbeln in den Fingerspitzen wurde langsam, aber mit großen Schritten, ein Taubheitsgefühl. Hatte ich zunächst noch (vor Vertragsabschluss, versteht sich) gedacht, ein Fotobestand aus Dekaden und Aberdekaden an Baustellentätigkeit könne sich mit logischem Denken und handfester Strukturierung nur als Klacks erweisen, bot sich meinem Auge das ganze Ausmaß meines Irrtums dar.

Laufmeter an Laufmeter reihten sich hier Hängemappen, Aktenordner, Umschläge im Überformat, Diakästen, Videokassetten und Stapel unverpackter Bilder mit den gesammelten Werken aus über 150 Jahren Firmengeschichte. Aber der Mensch ist ja anpassungsfähig und so bestand meine erste Amtshandlung (nachdem ich dem wiedergekehrten Jucken in den Fingern nachgegeben und zaghafte Blicke in die Bilderflut riskiert hatte) darin, mich mit den Themen Bildbearbeitung, Metadaten, Dateiumwandlung, Daten- und Medienintegration, Bildrechte, Scannereinstellungen, Augias und immer wieder Augias zu befassen.

Der Auftrag zum Scannen dieses Mammutprojektes ging an die Faktura gGmbH, welche sich der Rehabilitation von Menschen mit beeinträchtigter Leistungsfähigkeit verschrieben hat.

Foto: Faktura/Koch

Foto: Faktura/Koch

Hier wurden die Bilder zunächst an verschiedenen Stationen zum Scannen vorbereitet, mit Signaturen versehen, digitalisiert, umgebettet, die Digitalisate überprüft und zur digitalen Verschiffung ins ferne Reinickendorf vorbereitet. Eine umfassende und leicht verständliche Dokumentation der Arbeitsschritte ermöglichte den Mitarbeitern eine laufende Kontrolle der Teilaufgaben und deren Ergebnisse. Der Enthusiasmus und die Freude an der Arbeit spiegelt sich in den Räumen wider – Holzmann, wohin man den Blick schweifen lässt. Ein größeres Kompliment kann man einem Bildbestand wohl nicht machen, als Reproduktionen der gelungensten Aufnahmen an der Wand hängen zu haben. Einen herzlichen Dank an jede einzelne unermüdlich helfende Hand.
Ebenfalls zu meinem Glück begleiteten Die Bildarchivare das Projekt und so konnte ich nicht nur mein Wissen sondern auch meinen Horizont über die Bilddokumentation stetig erweitern. Den Damen Annette Samaras und Brigitte Hiss sei an dieser Stelle mein herzlichster Dank für ihre Geduld und Kooperation während unserer Zusammenarbeit ausgesprochen.

Nun ging es aber von der Theorie recht schnell in die Praxis. Die ersten Digitalisate wurden mit großem „Ach“ und „Hui“ bestaunt, als sie endlich auf unserem Server lagen. Nur, so einfach, wie man sich das denkt, ist es für gewöhnlich nicht – und so kristallisierten sich die ersten Problemchen zu wahren Goliaths heraus.

Digitalisierung der Kontaktabzüge (Foto: BBWA/BB)

Digitalisierung der Kontaktabzüge (Foto: BBWA/BB)

Mit vereinten Kräften wurde den Wirren des IPTC-Standards (International Press Telecommunications Council) ein Konzept für die zu erstellenden Metadaten entlockt, welche nach etlichem hin und her endlich Sinn ergaben und zur Anwendung gebracht werden konnten.

Dann der Speicherplatz. Wie sollten diese Unmengen zu erwartender Dateien, welche sowohl im TIF- als auch JPG-Format gespeichert werden sollten, je auf unserem Server Platz finden? Die einfache Antwort: gar nicht. Und wenn wir nun schon ein eigens eingerichtetes Fotomagazin hatten, warum dann nicht als logische Konsequenz auch einen Bildserver. Gesagt, getan. Was nun allerdings den Schritt von Bilddateien und -daten zu anwenderfreundlichen Datensätzen in Augias angeht, artete das Prozedere eher in ein Hüpfspiel aus. Auch nach Anschaffung der Vollversion Augias 9.2 ließen sich nicht gleich mehrere Bilder einem Datensatz zuordnen – dafür bräuchte man dann noch die Vollversion von Auguas Convert und auch das parallele Einlesen von IPTC- und EXIF-Daten wollte nicht so recht klappen. Also häppchenweise.

Nach Kontrolle der korrekten Bilddarstellung (leider sind sich hier die jeweiligen Windows-Betriebssysteme und Bildbetrachter nicht immer einig) wurden zunächst die Metadaten wieder ausgelesen. Hier kam mir das unscheinbare, aber sehr ausgeklügelte, Kommandozeilen-Programm „exiftool“ zur Hilfe. Dieser Output wurde wiederum in Excel verfrachtet.

“Ordnerprojekte” (Foto: BBWA)

Da für die Mappen-Projekte jeweils die Vorder- und Rückseiten (auf welchen sich häufig zusätzliche Informationen und Bildbeschreibungen befinden) gescannt wurde, mussten natürlich auch beide Seiten irgendwie zum richtigen Datensatz zugeordnet werden. Aus der Excel-Datei wurden nun alle Datensätze für die Rückseiten gelöscht. Zum Glück wurden die Dateien eindeutig benannt, so dass die fantastische Filterfunktion an dieser Stelle ein treuer Freund und Helfer wurde. Mithilfe dieser Datei klappte nun zumindest der Dateneinlauf für die Datensätze und Bildvorderseiten. Zu meiner Erleichterung beherrscht Augias das Suchen und Ersetzen von Wortteilen, was es mir ermöglichte den im jeweiligen Datensatz angegebenen Dateinamen auf den der Bildvorderseite zu ändern. Danach wieder in die Maske zur Bildintegration und die entsprechenden Dateien eingelesen.

Was mir im Vorfeld keiner verraten hat: Augias unterdrückt keine doppelten Dateien und gibt hierfür auch keine Fehlermeldung/Information aus. Nach etlichen Tausend Datensätzen musste ich mit Bestürzung feststellen, dass bei jeder Bildintegration ALLEN Datensätzen die Bilder erneut zugeordnet wurden. Datensatz 10.000 enthielt die gewünschten zwei Bilddateien, wohingegen Datensatz 1 mit 10 gesegnet war.

Da half nur eins: Alle Verzeichnugseinheiten löschen, ein Verzeichnis für die neu einzulesenden Bilder erstellen – und den ganzen Zauber von vorne zu beginnen. Auf einen Zwischenschritt mehr oder weniger kam es auch nicht an.

Bis dahin war ein Großteil der Metadaten bereits von Frau Samaras eingepflegt worden, so dass mir nur die Kontrolle und einige kleine Korrekturen zukamen. Das änderte sich, als mir die große Ehre zuteil wurde, das Projekt alleine zu betreuen und zu einem glücklichen Abschluss zu bringen. Bei Faktura liefen die Scanarbeiten auf Hochtouren – die Arbeitsplätze waren gefühlt rund um die Uhr besetzt und der Datenstrom wollte kein Ende nehmen. Aus den Ordnerprojekten mussten glücklicherweise nur die Vorderseiten gescannt werden, da es sich meist um Kontaktabzüge mit unbeschrifteter Rückseite handelt.

Auch wenn sich die Vorgänge (Vergabe und Kontrolle der Metadaten, Umwandlung der TIF- in JGP-Dateien, Kontrolle der Bilddarstellung, Erstellen der Thumbnails, Einlesen in Augias) mittlerweile zur Routine abgekühlt hatten, machte sich in mir ein wenig das Gefühl breit, der BBWA-David gegen den Faktura-Goliath zu sein – doch auch dorthin richtet sich an dieser Stelle mein herzlichster Dank für Ruhe und Verständnis, Hilfsbereitschaft und Ausdauer.

Und dann war mit Pauken und Trompeten und mit einem Mal alles ruhig. Nur in einem kleinen Kämmerlein in Kreuzberg …

Es führt über den Main eine Brücke aus Stein (Autobahnbrücke bei Griesheim 1934, BBWA U 5/5/0248, Nr. 18)

Die Aufholjagd hatte begonnen. Von den 10.054 an uns überlieferten Projekten lagen mir noch über 4.500 zur Bearbeitung vor. Aber wer als seinen ersten Bildbestand das Philipp-Holzmann-Bildarchiv zu bewältigen hat, lässt sich von einer solchen Lappalie nicht beeindrucken. So konnte ich nach sechs Monaten den Datenbestand in der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) von etwas über 30.000 auf über 50.000 erhöhen und durchbreche mit dem Datenupload zum Jahresende die Schallgrenze von 60.000 Datensätzen.

Und wo wir schon bei Zahlen sind: von 10.898 dokumentierten Projekten wurden bereits genannte 10.054 an uns überliefert (die übrigen Mappen und Ordner sind bei uns natürlich auch herzlich willkommen). Aus diesen wurden 97.698 Digitalisate erstellt, welche einem Umfang von 330.489 Einzelbildern entsprächen (Rückseiten nicht mitgezählt). Auch an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an Die Bildarchivare, Wolfgang Petersen, Vahed Mehdibagli, Georg Koch und allen Mitarbeitern bei der Faktura gGmbH, Sophie Rölle bei der DDB und jeden anderen Beteiligten, ohne die der Abschluss dieses Projektes nicht möglich gewesen wäre.

Ich jedenfalls bin geläutert und werde künftig keinen noch so vermeintlich harmlos daherkommenden Bestand (egal welcher Art) auf die leichte Schulter nehmen.

Mit diesem Bericht endet vorerst der Rundgang durch anderthalb Jahrhunderte, über die sechs Kontinente, durch nahezu alle Weltstädte und mir bis dato unbekannte Dörfer und Gemeinden. Wie bei so vielen länger andauernden Aufgaben mit einem lachenden (ich wusste doch, dass ich mit Um-die-Ecke-Denken und lockeren Strukturvorstellungen gut durch die Sache komme) und einem weinenden (die Nacharbeiten sind ja schließlich auch irgendwann erledigt) Auge.

Aber der nächste Fotobestand ist ja schon in der Mangel – wäre doch gelacht, wenn wir den Circus Busch nicht geschaukelt kriegen.

Kendra Rix

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