Wer mit der Branche zu Möbeln für Arztpraxen, Krankenhäuser und Kliniken etwas vertraut ist, dem dürften die Hersteller namens ADMI (Fuchswerke), Baisch, Maquet, Ritter und Schmitz-Stahlmöbel bekannt sein. Diese Unternehmen waren im Fall von ADMI bis 1919 in Berlin, dann in Hannover, die anderen in West- bzw. Südwestdeutschland ansässig.

Abb. 1: Karteikarten-Schrank, Anfang 60er Jahre (Quelle: Foto: Sascha Braun)
Jedoch existierte auch in Berlin ein Hersteller sogenannter Arztmöbel, namentlich die Firma „Josef Hansen – Stahlmöbelbau“ als ein Unternehmen, welches von Beginn an in Kreuzberg ansässig war.
Hansen produzierte wie auch die anderen Hersteller Schränke, Vitrinen, Halbschrän-ke, Schreibtische und Hängeschränke aus lackiertem Stahlblech, welches als Material leichter zu reinigen war als entsprechende Holzmöbel, weswegen diese Produkte oft auch als „aseptische Möbel“ angepriesen wurden.

Abb. 2: Deckblatt eines Kataloges, Ende 50er Jahre (Quelle: mit freundlicher Genehmigung von French-Antik, Lessinger)
Über die Firma Hansen finden sich abge-sehen von Aufklebern oder Schriftzügen an entsprechenden Möbelstücken keine weiteren Informationen, nur ganz selten Reklame oder Kataloge bzw. Prospekt-material (siehe Abb. 2).
Die dort produzierten Stahlblechmöbel sind von guter Qualität und materialbedingt extrem langlebig, so dass auch heute noch erstaunlich viele Modelle und Varianten von Schreibtischen, Instrumentenschränken und Karteischränken etc. immer wieder in Kleinanzeigenportalen oder bei eBay angeboten werden.
Wer also verbirgt sich hinter diesem ehemaligen Berliner Unternehmen und wo war es ansässig?
Zur Klärung dieser Fragen sind die Berliner Adressbücher, sowie die Bestände des Landesarchiv Berlin und des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv recht aufschlussreich, so dass entsprechende Recherchen die Geschichte der Firma Hansen nachvollziehen ließen.
Der Firmengründer, Josef Hansen, wurde am 1. November 1881 in der kleinen Ortslage Sommershof/Uckerath, heute Hennef, im Rhein-Sieg-Kreis, geboren. Im Jahr 1910 wurde er dort noch namentlich als Bewohner mit der Berufsbezeichnung Schlosser angeführt und ist dann offenbar ca. 1918 nach Berlin gegangen, wo er dann als Schlossermeister seine Firma gründete.

Abb. 3: Erstes Logo (Quelle: Foto Kay-Uwe Braun)
In mehreren Einträgen in den Ausgaben des Berliner Adressbuchs zur Firma „Josef Hansen – Stahlmöbel“ ist der Zusatz „…fertigt seit 1919…“ vorhanden, so dass eine Art Gründungsdatum festzumachen war. Die Lösung kam dann mit der IHK-Akte beim Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv, in der nach Angaben durch Josef Hansen selbst als Datum der Firmengründung der 1. Juli 1918 angegeben ist.
Bis Mitte der 1930er Jahre firmierte er unter der Bezeichnung „Josef Hansen – Eisenmöbel-Fabrik“ und verwendete das Logo „Hansa“, welches auf älteren Briefköpfen zu sehen ist und sich heute nur noch selten auf Möbelstücken aus der frühen Produktionsphase findet (siehe Abb. 3).
Der erste Firmensitz befand sich von 1918 bis 1928 in Berlin S14, Sebastianstr. 73, heute dem Bezirk Mitte unmittelbar an der Grenze zu Kreuzberg zugehörig. Josef Hansen wohnte zu dieser Zeit in Berlin S 42, Luisenufer 23 IV, was heutzutage der Anschrift Oranienplatz 23 entspricht. Im Adressbuch wird er für diese Privatanschrift als Schlossermeister ausgewiesen.

Abb. 4 + 5: Mietshaus und Gewerbegebäude in der Waldemarstraße 85 vor Abriss 1968 (Quelle: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (01) Nr. 0127347 (links)/ F Rep. 290 (01) Nr. 0127348 (rechts) / Fotos: Karl-Heinz Schubert)
Die Firma schien erfolgreich zu sein, denn 1928 erwarb Josef Hansen mit seiner Ehefrau das Grundstück in der Waldemarstraße 18, Berlin-Kreuzberg (SO 36), von dem bisherigen Eigentümer, welcher dort Korbmöbel produziert hatte. Beide Eheleute Hansen sind im Adressbuch von 1929 als Eigentümer angeführt. Hier befand sich in der für die damalige Luisenstadt typischen Baustruktur ein dreistöckiges Vorderhaus mit Mietswohnungen, während in einem Seitenflügel der Gewerbebetrieb existierte. Durch eine Zufahrt im Vorderhaus war der Hof auch mit Fahrzeugen zu erreichen. Die Eheleute Hansen wohnten von nun an dort im Vorderhaus.
Seit dem 1. April 1930 war die Firma in der Handwerksrolle eingetragen.
Josef Hansen war offenbar recht umtriebig und entwickelte seine Produkte weiter, so dass er am 24. Oktober 1933 eine spezielle Aufhängung für Schubkästen an ärztlichen Geräteschränken patentieren ließ (Reichspatentamt, Patentschrift-Nr. 601917).

Abb. 6: Zeichnung zur Patentschrift für einen Schubkasten mit spezieller Aufhängung an ärztlichen Geräteschränken vom 24.10.1933 (Europäisches Patentamt, siehe Link oben)
Das Unternehmen wuchs offenbar weiter, denn in dem an die IHK gerichteten Eintragungsantrag vom Februar 1934 wird angeführt, dass man für die Geschäftszwecke zwei Büroräume, ein Musterzimmer, eine Schlosserwerkstatt, eine Lackiererei, einen Montage- und Expeditionsraum, einen Eisenlagerraum und einen Kistenlagerraum auf eine Fläche von 750 qm nutzte.
Neben Josef Hansen als kaufmännisch und technisch leitendem Inhaber wurden eine kaufmännische Angestellte, drei Aus- und vier Inlandsvertreter, ein Schlossermeister, zehn Schlosser, vier Lehrlinge, drei Lackierer sowie ein Chauffeur als Beschäftigte angegeben. Der Betrieb sei für eine Personalkapazität von vierzig Mitarbeitern ausgelegt.
1937 beantragte Josef Hansen die Löschung im Handelsregister mit der Begründung, dass die Handwerklichkeit des Gesamtarbeitsverlaufs im Vordergrund stehe, was durch die IHK befürwortet wurde. Die Firma wurde als handwerklicher Betrieb bezeichnet. Im Reichsanzeiger von 1937 wurde dann auch die Löschung der Firma aus dem Handelsregister mit Wirkung vom 24. September 1937 veröffentlicht.
Ob man als metallverarbeitender Betrieb befürchtete, durch das NS-Regime zur Tätigkeit für Rüstungszwecke aufgefordert zu werden und deshalb den manufakturähnlichen und handwerklichen Herstellungsprozess betonte, kann nur eine angesichts des damaligen Zeitgeschehens anzunehmende Hypothese bleiben.
Jedenfalls produzierte die Firma weiter. Am 22. Februar 1941 beantragte Josef Hansen eine von ihm entwickelte Hebevorrichtung für die Sitz- oder Liegefläche von Krankenmöbeln zum Patent, welches am 30. Dezember 1943 erteilt wurde. (Reichspatentamt, Patentschrift-Nr. 746326)

Abb. 7: Zeichnung zur Patentschrift zu einer Vorrichtung zum Heben und Senken der Sitz- oder Liegefläche von Krankenmöbeln vom 22.02.1942 (Quelle: Europäisches Patentamt, siehe Link oben)
Während zahlreiche in der Luisenstadt und am Moritzplatz ansässige Unternehmen infolge des schweren Bombenangriffs vom 3. Februar 1945 in Schutt und Asche gelegt wurden oder zumindest schwere Schäden davontrugen, scheint der Bereich der Waldemarstraße, an dem die Firma Hansen ansässig war, weitestgehend unversehrt geblieben zu sein. Ungeachtet dessen fielen die Gebäude dann 1975 und 1976 dem Sanierungskonzept des damaligen Berliner Senats zum Opfer und wurden abgerissen.
Am 26. Oktober 1950 beantragte Josef Hansen, immerhin fast 69 Jahre alt, erneut die Eintragung in das Handelsregister und gab als Firmenbezeichnung „Josef Hansen Stahlmöbelbau“ und als Firmenanschrift Berlin SO 36, Waldemarstr. 85 an.
Zuvor war ca. 1949 eine Änderung der Hausnummern vorgenommen worden, so dass aus der Nummer 18 die Nummer 85 wurde, der Firmenstandort also unverändert blieb.

Abb. 8: Aufgearbeiteter und in Wunschfarbe pulverbeschichteter Karteikarten-Schrank, Anfang 60er Jahre (Quelle: Foto Sonja Sommer)
Der im Betrieb bereits 1937 als kaufmännischer Mitarbeiter tätige Sohn des Firmengründers erhielt im Jahr 1952 Prokura, welche mit als dringend bezeichnetem Schreiben vom 6. Mai 1963 gelöscht werden sollte. In diesem Jahr übertrug Josef Hansen die Firma an seine Ehefrau, Gertrud Hansen.
Er verstarb schließlich am 22. Juli 1965 in Berlin-Kreuzberg an seiner Wohnanschrift bzw. dem Firmensitz. Er wurde 84 Jahre alt.
Das Unternehmen wurde danach noch bis zum 30. April 1968 durch die Witwe, Frau Gertrud Hansen, weitergeführt. Mit diesem Datum hat diese gegenüber dem zuständigen Gewerbeamt die Aufgabe der Firma mitgeteilt. Vermutlich galt es bestehende Aufträge abzuarbeiten und das beschäftigte Personal halbwegs sozialverträglich zu kündigen. Der erwähnte Sohn war bis 1969 als Werksvertreter für die Firma Schmitz-Stahlmöbel in Berlin tätig, verließ dann die Stadt und siedelte sich im Raum Nürnberg-Fürth an, so dass die Fortführung der Firma durch ihn nicht in Frage zu kommen schien.
Die Firma Josef Hansen Stahlmöbelbau existierte demnach von 1918 bis 1968 in Berlin-Kreuzberg in der Waldemarstraße 85. Sie hatte die Wirtschaftskrise während der Weimarer Republik, das NS-Regime und den zweiten Weltkrieg überdauert, und war einer der vielen Gewerbebetriebe der Berliner Wirtschaftsgeschichte. Heutzutage finden sich in dem Stadtteil keine Hinweise oder Spuren mehr, die auf die frühere Existenz der Firma Josef Hansen Stahlmöbelbau hinweisen könnten.
Lediglich die nach wie vor gebraucht angebotenen Stahlmöbel mit den Aufklebern des Herstellernamens lassen dieses längst nicht mehr bestehende Berliner Unternehmen nicht ganz in Vergessenheit geraten.
Diese Art Wasser-Transfer-Aufkleber scheinen bei den Möbeln vor der Einführung oder Verwendung des in Chrom-Optik gehaltenen PVC-Schriftzuges „Hansen“ verwendet worden zu sein. Sie finden sich also an frühen Exemplaren und sind an den Innenseiten von Schubkästen und Türen angebracht, während der PVC-Schriftzug in der Regel oben rechts auf einem der Schubkästen aufgeklebt wurde.

Abb. 9: Schriftzug der Firma Hansen aus der letzten Produktionsphase (Quelle: Foto: Kay-Uwe Braun)
Diese Aufkleber, offenbar etwas später mit dem Zusatz „Berlin“ versehen, beinhalteten letztlich den einzigen Hinweis auf den Produktionsstandort in Berlin, was die Recherchen insofern eingrenzen bzw. überhaupt erst initiieren ließ.
Text: Kay-Uwe Braun


Das ist ja eine faszinierende Entdeckung! Dass man eine Berliner Firma aus der Weimarer Republik nur durch Wasser-Transfer-Aufkleber im 21. Jahrhundert wiederfindet, ist ja wirklich beeindruckend. Hatte man die doch nicht so gut gemacht, oder nur nicht so lange gepflegt? Manchmal fragt man sich schon, wie so ein Unternehmen überlebt, wenn es keine Spuren hinterlässt – bis man auf diese cleveren Klebebänder stößt. Vielleicht sollten heutes Unternehmen ein Beispiel daraus nehmen? 😉 Das ist ja wirklich eine unterhaltsame Geschichte, die zeigt, wie man auch nach Jahrzehnten noch auf die Details achten muss, um nicht ganz in Vergessenheit zu geraten. Ein gelungenes Stück Wirtschaftsgeschichte!