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Erschlossen: U7/02 Spedition Harry W. Hamacher GmbH & Co.

Heute habe ich den Bestand der Spedition Harry W. Hamacher fertiggestellt. Nach intensiver Erschließung liegt nun ein Einblick in die Geschichte und Entwicklung des Unternehmens von 1982 bis 1997 vor.

Ich studiere Archivwissenschaften und bin seit knapp einem Monat für mein fünf-monatiges Praxissemesters im Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv. In dieser Zeit habe ich bereits einen guten Einblick in die praktische Arbeit gewonnen. Den Bestand habe ich mit der Archivsoftware AUGIAS 9.2 erschlossen.

Die Arbeit erfordert viel Konzentration, Geduld und oft ein feines Gespür für Zusammenhänge.

Logistik-Zentrum Nürnberg, ca. 1991 (BBWA U7/02/9/5)

Die Wurzeln der Spedition Harry W. Hamacher reichen zurück bis ins Traditionsgeschäft Brasch & Rothenstein und damit in die Zeit der Verfolgung der Juden in Deutschland: Harry W. Hamacher war damals leitender Mitarbeiter der Firmengruppe Schenker und erwarb 1936 die 1900 gegründete Firma der jüdischen Vorbesitzer auf dem Wege der „Arisierung“, also der Zwangsvertreibung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben. Mehrere Wiedergutmachungsverfahren nach dem Kriege zeugen von diesen und weiteren Vorgängen, unter anderem auch der Verstrickung in den nationalsozialistischen Kunstraub. Dieser Teil der Geschichte Harry Hamachers ist in dem Bestand nicht überliefert, wohl aber im Landesarchiv Berlin (s.u.).

Das Unternehmen nahm sowohl vor dem Krieg als auch in den Wirtschafstwunderjahren eine schnelle Entwicklung und wuchs zu einem der Marktführer heran. Es konzentrierte sich vorrangig auf den Textilhandel, der weiterhin ausgebaut werden sollte – vor allem durch europaweite Aktivitäten. Nach dem Tod des Gründers am 15. Januar 1976 übernahm zunächst seine Ehefrau Margarethe Ha-macher und später die Tochter Maria Kromer die Geschäftsführung.

Die Inhaberfamilie und die Leitung des Speditionsunternehmens beschlossen 1991, das Unternehmen an den japanischen Konzern Footwork International Corporation zu verkaufen. In diesem Jahr wurde die Spedition hundertprozentige Tochtergesellschaft des Konzerns und erhielt die neue Firmierung Footwork-Hamacher GmbH & Co.

Deckblatt der Mitarbeiterzeitschrift „wir“ der Harry W. Hamacher Spediteur GmbH & Co, 2/1992 (BBWA U7/02/9/4)

Die Firma Footwork-Hamacher bot ein breites Spektrum an Dienstleistungen in vier Bereichen an: Fashion (Bekleidungslogistik), Overland (Landverkehr) sowie Luft- und Seefracht. Vor allem die Division Fashion machte eine durchgängige Lieferkette vom Produzenten bis zum Endverbraucher möglich.

Ab 1992 begann sich die finanzielle Lage des Unternehmens zu verschlechtern. Die Overland-Division verzeichnete starke Umsatzrückgänge aufgrund des wettbewerbs-bedingten Preisdrucks und des konjunkturell bedingten Auftragsrückgangs. 1994 hatte Footwork-Hamacher noch 1500 Mitarbeiter, reduzierte den Fuhrpark von 700 auf 600 Fahrzeuge und schloss verlustbringende Niederlassungen. Im Februar 1996 wurde das Konkursverfahren eröffnet. Das Amtsgericht Hamburg ernannte die Rechtsanwaltskanzlei Henningsmeier zum Konkursverwalter.

Die Unterlagen, die ich erschlossen habe, sind dem Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv von einem ehemaligen Betriebsratsvorstandsmitglied zur Verfügung gestellt worden – darunter Schriftwechsel und Geschäftsvereinbarungen. Sie geben einen Einblick in die Entwicklung eines Unternehmens, welches sich über viele Jahre hinweg beweisen musste.

Lastwagen aus der Mitarbeiter-Zeitschrift „wir“, 08/1991 (BBWA U7/02/9/5)

Besonders spannend fand ich dabei die interne Kommunikation des Unternehmens. Der Schriftwechsel offenbart nicht nur Abläufe und Entscheidungen, sondern auch die Denk-weise der Mitarbeiter. Ich konnte daraus entnehmen, dass vor allem der Konkursverwalter für die Krise verantwortlich gemacht wurde. Die Kundschaft wurde vorschnell über die Entscheidung des Betriebs informiert – somit wurde das Netz zum Zusammenbruch gebracht. Die Akten legen den Eindruck nahe, dass der Konkursverwalter nicht genug Überblick über die Gesamtsituation des Unternehmens hatte. In einem eindringlichen Schreiben wandte sich ein langjähriger Mitarbeiter direkt an den Bundeskanzler Helmut Kohl, als letzten Versuch Gehör zu finden. Dieser Mitarbeiter schilderte die Unsicherheit der Belegschaft. Viele Mitarbeiter sowie Kunden waren überrascht, dass das Unternehmen Konkurs angemeldet hatte. Er schrieb, dass die Geschäftsleitung jegliche Wiederbelebung des Traditionsunternehmens ablehnte. Sie seien direkt nach Konkursantrag zum Konkurrenzunternehmen gewechselt. Seitens der Geschäftsleitung wäre geäußert worden, dass das Verfahren hätte abgelehnt werden können. Es wäre unter fragwürdigen Umständen zustande gekommen. Er hatte keinen Zweifel daran: Es wurde bewusst versucht das Unternehmen zu Fall zu bringen.

Der Brief spiegelt eindrucksvoll die Verzweiflung, Hilflosigkeit und Unverständnis der Mitarbeiter wider. Es verdeutlicht, wie dieser Moment ihre finanzielle Situation verunsicherte und welche existentiellen Sorgen er bei vielen ausgelöst hat.

In den letzten Wochen habe ich viel gelesen, Zeile für Zeile, und mich dabei in die Ge-schichte hineingefühlt. Manche Dokumente haben mich dabei besonders interessiert, wie dieser Brief.

Umso gespannter bin ich auf die kommenden Wochen und darauf, welche Erzählungen der neue Bestand mit sich bringt.

Text: L. Reichmann

Weiterführende Hinweise

Zu „Arisierung“ und Entschädigungsverfahren s. LAB B Rep. 025-05 Nr. 103/49 und B Rep. 025-07 Nr. 1536/51, zur Verstrickung in den Kunstraub durch die Nationalsozialisten A096_IV_014a_0019 im Zentralarchiv für deutsche und internationale Kunstmarktforschung-

3 Kommentare

  1. Egal Egal sagt

    „Harry W. Hamacher war damals leitender Mitarbeiter der Firmengruppe Schenker. 1938 erwarb er die Firma.“

    Warum fällt das Wort ‚Arisierung‘ nicht?? Hamacher war ein Profiteur der Zerschlagung von in jüdischem Besitz befindlicher Unternehmen. Zudem ist auch bekannt, dass die Spedition Hamacher auch an NS-Kunstraub-Aktionen beteiligt war.

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