Wirtschaftsgeschichte
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Event-Park des Jahres 1887 in Weißensee

Wie vergnügten sich die Berliner ohne Handy, Fernsehen, Radio, Fußball und Disko? Auf den örtlichen Rummelplätzen und den zentraleren Vergnügungsparks In den Zelten vor dem Brandenburger Tor, in der Hasenheide, in Pichelsdorf oder – in Weißensee.

Ein zeitgenössischer Holzschnitt zeigt alles was die Arrangeure aufzubieten hatten: Aus der Vogelperspektive blickend erscheint der Weißensee im oberen Bilddrittel wie ein kleines Binnenmeer. Im unteren Bildteil sieht man links im Vordergrund das Brauhaus mit großem Schornstein an der Seite und vier kleineren Schornsteinen auf dem Dach. Im Mitteltrakt dieses Gebäudes kann man auf drei Schriftbändern lesen: Brauerei/Zum/Sternecker. Damit ist die Altersbestimmung post quem des Holzschnitts gefunden: 1887. Rudolph Sternecker hatte 1884 den Vergnügungspark eröffnet. 1887 gliederte er seinem Unternehmen die auf dem Nachbargelände eröffnete Brauerei an. Die hinter dem Braugebäude liegenden Bauten, eine Mauer und ein Verwaltungsgebäude mit der Inschrift Brauerei Sternecker schließen das Hofensemble ab, auf dem Bierfässer auf dem Boden, auf einem Pferdefuhrwerk und gestapelt unter einem Vordach an der Grenzmauer zu sehen sind.

Zeitgenössischer Holzschnitt mit Gebäudebezeichnungen (vergrößern)

Zeitgenössischer Holzschnitt mit Gebäudebezeichnungen

Ein Vorläufer der Disney-Parks in Weißensee aus dem Jahr 1887

Brauerei Sternecker (Photo: BBWA)

Brauerei Sternecker (Photo: BBWA)

Nun beginnt der eigentliche Parkbesuch an dem mit Wimpeln geschmückten Kassentrakt. Die Berliner reisten mit der 1877 eröffneten Pferdebahn oder mit eigenen Fuhrwerken an. Eingerahmt wird der Vorplatz an der Königschaussee 5-6 links vom Verwaltungsgebäude des Brauerei und rechts durch Sterneckers Schloss Weißensee, einen eingeschossigen Restaurationsbetrieb mit einer Front von 11 Fenstern, beiderseits eingerahmt durch turmartige Anbauten mit Fahnenschmuck. Hinter dem Schloss mit kleinen Festsälen und Unterkünften für Sternecker und seine Bediensteten befinden sich Tische und Stühle eines Sommergartens mit Bierausschank. Nach Entrichtung des Eintritts erblicken die Besucher hinter einem Rondell mit Fontäne eine Orchestermuschel für Konzertveranstaltungen im Freien, bei denen die Zuhörer an Tischen sitzen. Direkt am Seerand liegt über einen Steg erreichbar der Bootsverleih. Ganz am östlichen Uferrand bietet die Badeanstalt in einem abgeschirmten Bereich Schwimmmöglichkeiten. Ein kleines Dampfschiff startet zu Rundfahrten um den See.

Auf dem 80 Morgen großen Areal warten als weitere Attraktionen ein kleiner Zoo, die Seetheaterbühne auf Pfählen im See, die beliebte schwedische Rutschbahn, ein Riesenkarussel und Schiffsschaukeln auf die Besucher.

Eine Idylle mit Fontäne, Kaskaden und Tuffsteingrotte, ein Säulenrondell mit Obelisk und ein neogotischen Weißbierhaus boten weitere Abwechslungen wie auch die Reitbahn und die sie umrundende elektrisch betriebene Bahn von Siemens mit einem eigenen Bahnhof. Schießstände, Spielebuden, Bier- und Seltersausschank ergänzten die Angebote für alle Altersgruppen. In einem besonderen Pavillon zeigt der Taucher Kook, der an den Hebungsversuchen der Schiffe “Großer Kurfürst” und “Cymbria” teilgenommen hatte, in einem extra dekorierten Becken seine Künste. Ein Ballsaal für 2500 Gäste kann für Jubiläen, Stiftungsfeste, Betriebsfeiern und Hauptversammlungen angemietet werden. Eine Druckerei für Visitenkarten, ein Fotoatelier und Andenkenkarten sorgen für Erinnerungsstücke. Die elektrische Beleuchtung illuminierte den Abend für die an Petroleumlampen und Gaslicht gewöhnten Augen der Besucher. Zu nächtlicher Stunde setzten Feuerwerke über dem See für unvergessene Höhepunkte.

Heute noch Seeterrassen und Fontäne (Photo: BBWA)

Heute noch Seeterrassen und Fontäne (Photo: BBWA)

Rudolph Sternecker verkaufte den Betrieb und die Brauerei 1892 an Gustav Enders, der die Anlage um ein Restaurant und eine Kegelbahn erweiterte und unter dem Namen Brauerei Weißensee vermarktete. Enders verkaufte die Brauerei 1911 an Ignatz Nacher. Der stieg dank seiner Erfindung der Pfandflasche und dem Erfolg mit alkoholfreiem Malzbier bis zum Generaldirektor der Engelhardt-Brauerei auf. Der Braubetrieb in Weißensee endete 1921. Nach 1933 leiteten die Nationalsozialisten die Entmachtung und damit Arisierung des Nacherschen Vermögens durch einen Strafverfahren vor dem Landgericht Berlin ein. Nacher musste seine Aktienmehrheit an die Dresdener Bank abtreten, sein Alterswohnsitz in Bad Tölz wurde von der Flick-Gruppe übernommen, Nachers Ausreisegesuch wurde nur nach Zahlung der Reichsfluchtsteuer, die sein gesamtes Vermögen beanspruchte, genehmigt. Er starb ein Jahr nach seiner Ausreise völlig verarmt in Zürich.

Literatur

  • Ingrid Jost-Hermand: Wer will noch mal? Wer hat noch nicht? Aus der Geschichte Berliner Rummelplätze. Berlin 1987.
  • Henry Gidom: Berlin und seine Brauereien. Gesamtverzeichnis der Braustandorte von 1800 bis 1925. Berlin 2012.
  • Klaus Kürvers: Hopfen und Malz. Geschichte und Perspektiven der Brauereistandorte im Berliner Nordwesten. Berlin 2005

Geschrieben von Dr. K. Dettmer

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