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Unter der Lupe – Die erste deutsche Stahlfederfabrik “Heintze & Blanckertz”

„Im Oktober 1856 wurden dann mittelst der Spindelpresse, so eigentlich die einzige Maschine dieses Zweiges der Technik, die ersten deutschen Stahlfedern fabrikmäßig hergestellt. Mit welchen wahren Feuereifer man an die Arbeit ging und welche Erfolge man erreichte, das erhellt wohl am besten daraus, dass die Federn von Heintze & Blanckertz auf der Weltausstellung in London 1862 bereits mit einer Preismedaille ausgezeichnet wurden.“ (1)

Eintrag im Berliner Adressbuch von 1904, in dem das Gründungsdatum genannt wird.

Die erste deutsche Stahlfederfabrik wurde 1952 von Rudolf Heintze und dem Rheinländer Heinrich Siegmund Blanckertz (1823-1908) gegründet, die drei Jahre zuvor zunächst ein „En gros Lager von Englisch. Kurzwaaren, Sammet und Seidenwaaren“ eröffnet hatten. Hier wurden wahrscheinlich auch englische Schreibfedern angeboten.

Rudolf Heintze soll nach kurzer Zeit aus dem gemeinsamen Geschäft ausgestiegen sein. In den Berliner Adressbüchern ist er bis 1867 als Miteigentümer eingetragen.

Das Unternehmen befindet sich zunächst in der Heiligegeiststraße 13, in der in der Mitte des 19. Jahrhunderts nur elf Häuser stehen. Um 1856 kauft Blanckertz das Grundstück in der Fliederstraße 4 in Friedrichshain. Es befindet sich auf einem Areal zwischen Flieder-, Gollnow- und Georgenkirchstraße, womit sich auch die ständig wechselnden Adressen der Fabrik erklären lassen: Bis ca. 1875 firmiert das Unternehmen in der Fliederstraße 4, bis 1889 in der Gollnowstr. 11 und danach in der Georgenkirchstraße 44.

Dass Blanckertz sehr erfolgreich war, erklärt sich zum einen dadurch, dass er schon Anfang der 1850er Jahre mit der Entwicklung von Stahlfedern experimentierte. Zum anderen stellt er die für den Betrieb benötigten Maschinen selbst her und bildet auch seine Arbeiter selbst aus. Bis 1881 ist  er der einzige Stahlfederfabrikant in Deutschland gewesen.

Warentüte mit Dreispitzsystem der Firma Heintze & Blanckertz (BBWA S2/13/206)

Eine Eintragung ins Gesellschaftsregister erfolgt spätestens am 7. September 1887, als Siegmund Rudolf Blanckertz (1862-1935) als Handelsvertreter und Ingenieur in das Unternehmen seines Vaters eintritt. Dieser gründet 1900 auch das Schriftmuseum Rudolf Blanckertz, das sich wie die Fabrik in der Georgenkirchstraße 44 befindet. Darüber hinaus expandiert er das Unternehmen und lässt ein zweites Werk in Oranienburg errichten. Nach dem Tod seines Vaters 1908 wird Rudolf Blanckertz alleiniger Besitzer von Heintze & Blanckertz.

 

Abbildung zur Patentschrift Nr. 61897 von 1891

 

Heinrich Siegmund Blanckertz ist ein sozial engagierter Arbeitgeber gewesen. Paul Theodor Richter berichtet in einem Vortrag, den er am 8. Februar 1901 in der Polytechnischen Gesellschaft zu Berlin gehalten hat, über „vielerlei Wohlfahrtseinrichtungen“. Blanckertz‘ Fabrik soll eine der ersten gewesen sein, die für ihre Arbeiterschaft eine Betriebskrankenkasse eingerichtet hat. Es gibt eine Unfall- und Invalidenunterstützungskasse und eine Bibliothek. Das Unternehmen führt sehr früh die 8-Stunden-Schicht ein. Auch ein Patent für eine Schutzvorrichtung an Fallwerken und Pressen wird 1891 eingereicht und deutet auf die zur damaligen Zeit vorbildlichen Arbeitsbedingungen im Werk hin.

Federn von Heintze & Blanckertz (Foto: Thiago Benites)

Während des 1. Weltkriegs veröffentlicht das Ministerium für Kultus und öffentlichen Unterricht das „Kriegsblatt Nr.6“ (1915). Die Leiter der Lehranstalten werden darin angewiesen, darauf hinzuwirken, dass ihre Schüler nur noch deutsche Stahlfedern verwenden. Im Besonderen werden hier die Federn von Heintze & Blanckertz, als „rein deutsches Erzeugnis“ erwähnt. Hier und in verschiedenen Anzeigen der Firma selbst wird deutlich, dass offenbar gefälschte Federn im Umlauf gewesen sind, die nicht die originale Prägung getragen haben.

1935 stirbt Rudolf Blanckertz. Seine beiden Söhne Wolf und Klaus Blanckertz wandeln die Firma im Jahr darauf in eine Kommanditgesellschaft um. Die Mutter der beiden, Sophie Blanckertz, erhält Prokura.

Das Unternehmen hat im Dritten Reich Anteil an der rüstungs- und kriegsbedingten Sonderkonjunktur und der sich aus dem Rüstungsprogramm ergebenden Möglichkeiten: Ab 1935 werden zumindest im Werk Oranienburg ausschließlich Rüstungsaufträge ausgeführt. Hier werden „Ladestreifen Infanterie-Munition und technische Federn für die Wehrmacht“ sowie Teile für die „V-Waffe“ hergestellt, wofür auch Zwangsarbeiter eingesetzt werden. Wolf Blanckertz bedankt sich in einem überlieferten Schreiben an das Oberkommando des Heeres vom 21. November 1942, dass er angeforderte Arbeitskräfte erhalten habe. Zudem habe er bei der Außenstelle für Rüstungsausbau beim Reichsminister für Bewaffnung und Munition Baracken beantragt, um noch mehr Arbeiter beschäftigen und damit die Produktion erhöhen zu können.

Klaus Blanckertz organisiert 1938 dem Zeitgeist entsprechend eine Ausstellung zum Thema „Die Schrift der Deutschen“ im schon von seinem Vater im Jahr 1900 gegründeten „Schriftmuseum Rudolf Blanckertz“.

Wolf Blanckertz gelangt im April 1945 noch vor der Besetzung Oranienburgs zu seinem Bruder und seiner Mutter nach Scharbeutz nördlich von Lübeck. Angeblich ist er dabei aus dem schon brennenden Gebäude geflohen. Die Brüder kehren nach 1945 nicht nach Berlin zurück, sondern behaupten, dass ihr schlechter Gesundheitszustand und die unsicheren Verkehrsverhältnisse zwischen den Besatzungszonen keinen Besuch in Berlin zuließen.

Die Behörden im sowjetischen Sektor Berlins erklären die Familie Blanckertz zu Nutznießern des Krieges und des Nationalsozialismus und bestellen im April 1946 einen Treuhänder für das Berliner Werk, ehe es beschlagnahmt wird. Kurt Szipanski wird mit den Vollmachten eines Geschäftsführers ausgestattet und übernimmt somit die Rechte und Pflichten der bisherigen Inhaber und Prokuristen.

Briefbogen von 1948 (BBWA K1/1/3073)

Am 4. Dezember 1947 brennt das Werk in der Georgenkirchstraße 44. Die Gründe für den Brand bleiben unklar. Auffällig ist ein drei Tage vorher durchgeführter Wechsel der Feuerversicherung. Trotz dieses Rückschlages zeichnet eine Wirtschaftsprüfung vom Juni 1948 ein positives Bild der Firma und eine gute Auslastung der Produktion. Aufgrund des Gesetzes des Magistrats von Groß-Berlin “zur Einziehung von Vermögenswerten der Kriesgverbrecher und Naziaktivisten” vom 8. Februar 1949 geht die Firma Heintze & Blanckertz in das Eigentum des Volkes über. Der Eintrag im Handelsregister erlischt am 2. Juni.1949.

Auf westdeutscher Seite existierte die Firma in Frankfurt am Main und ab 2005 in Wehrheim in Hessen weiter. Das Profil hatet sich über die Jahrzehnte verändert. Heintze & Blanckertz vertrieb bis zum 10. Dezember 2015 hauptsächlich Kunst- und Hobbybedarf. Danach wurde der Versandhandel eingestellt.

Text: Jonas Nordheim, Tania Estler-Ziegler

 

(1) Nass, Dr.: Schrift und Schreibgeräthe verschiedener Völker und Zeiten. Nachtrag zum Bericht über die Sitzung vom 08. Januar 1900. In: Sitzungsberichte des Vereins zur Beförderung des Gewerbefleißes. 1900. Berlin: Verlag von Leonhard Simion, S. 30

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