Der Oktober neigt sich dem Ende zu und damit ist auch bald Schluss mit meinem zweiten Praktikum im BBWA. Seit zwei Monaten bin ich nun wieder hier, nachdem ich mein viermonatiges Praktikum im letzten Juli hier abgeschlossen hatte. Mittlerweile im dritten Lehrjahr in der Ausbildung zur Fachkraft für Medien- und Informationsdienste Fachrichtung Archiv, stellen beide Praktika Teil der Pflichtpraktika meines Ausbildungsrahmens dar. Zum einen bedeutet das für mich, dass ich bald zu meinem regulären Ausbildungsalltag zurückkehren muss, zum anderen, dass es an der Zeit für einen weiteren Archivspiegel-Artikel ist.
Wie Sie wissen, habe ich in den ersten vier Monaten u. a. den Bestand U2/04 Forschungsarchiv Braunkohlen- und Brikett-Industrie AG (Bubiag) erschlossen. Er umfasst den Schriftwechsel der Fabrikinhaber Mitteldeutschlands untereinander sowie mit den Bergämtern, diverse Unfallberichte, neue Arbeitsverordnungen, allesamt vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Zeit der DDR. Eine große Thematik in dem Bestand ist die „Arisierung“ von Braunkohle-Unternehmen der Umgebung zur Zeit des Nationalsozialismus und entsprechende Prozesse, sowie ein jahrelanger Streit zwischen der Bubiag und dem Petschek-Konzern.
Ein weiterer Teil des Praktikums im BBWA stellt eine Recherche zu einem Thema dar, welches mit Hilfe der Bestände des Landesarchivs Berlin durchgeführt wird. Das bedeutet, dass ich zusammen mit der Praktikumsbetreuerin ins Landesarchiv gegangen bin, um dort die angefragten Akten einzusehen, Notizen und gegebenenfalls Bilder zu machen.

Anzeige von 1948 (Quelle: BBWA B313/2014)
Mein Thema war die Verlagsdruckerei Merkur GmbH aus Berlin. Dieses Unternehmen hatten wir wegen einer recht schönen Anzeige in einem alten Katalog ausgesucht. Die Recherche in den eigenen Beständen des BBWA sowie in den alten Berliner Adressbüchern war erfolgreich und ich bin auf Adressen und Nachweise gestoßen. Die Einsicht in die Akten des Landesarchivs zum Unternehmen enthüllte viele Dramen im Familienunternehmen: eine Affäre mit einer Sekretärin, das Ableben eines Bruders und viele verwirrende Fragen bezüglich Besitzanteilen sowie die Verlagerung von Teilen des Unternehmens ins Ausland während des Zweiten Weltkrieges. Der Besuch im Landesarchiv während des zweiten Praktikumszeitraums war zwar wenig ertragreich, aber der Artikel zur Verlagsdruckerei konnte trotzdem fertiggestellt werden.
Die letzte Aufgabe meines ersten Praktikumszeitraumes war das Erschließen von gebundenen Zeitschriften des Bestandes Z. Das waren vor allem Ausgaben der Berliner Illustrierten Zeitung aus den Zeiträumen um den Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie die Jahre zuvor. Neben Angaben wie Erscheinungsjahr, Verlag, Verlagsort und Provenienz hatte ich auch die Aufgabe, alle Anzeigen von Unternehmen aus Berlin und Brandenburg zu finden und im Enthält-Vermerk einschließlich ihrer Seitenzahl zu vermerken.
Das Schmökern blieb beim Erschließen der Anzeigen nicht aus, vor allem da mir im Angesicht des komplett unterschiedlichen Zeitgeistes während und vor den Weltkrieges sehr ungewöhnliche Eindrücke vermittelt wurden. Von Werbeanzeigen für gesunde Füße dank Asbest-Sohlen bis zu stark propagandabehafteten Anzeigen während des NS-Regimes war alles dabei. Interessant war auch der Klatsch und Tratsch um die Royals zur Kaiserzeit, die Frauenrechtsbewegung in Großbritannien und die damalige Faszination für andere Nationen.

Erinnerungsbuch der Esso AG Berlin (BBWA U2/06/13)
Gestartet bin ich in den zweiten Praktikumszeitraum direkt mit dem Erschließen des Bestandes U2/06 zur Esso Berlin GmbH. Vor allem die allerersten Schriftstücke waren sehr interessant. Es handelte sich hierbei um Feldpostrundbriefe der Deutsch-Amerikanischen Petroleum-Gesellschaft (Name der Esso vor 1950). Besagte Briefe enthielten Gedichte und Berichte von Soldaten von der Front, Hinweise auf Beförderungen, Ankündigungen bezüglich Geburten und Verlobungen sowie Festtagsgrüße. In den Briefen gab es Hinweise auf Geschenke für die Soldaten, etwa Rasierer, Seife oder Rationen.
Viele Teile des Bestandes beschäftigten sich mit der Geschichte des Unternehmens, von der Entstehung über die Verbreitung zur Umbenennung. Vor allem gab es viele Angaben zur Entwicklung der Verkaufsabteilung in Berlin. Ein weiteres Highlight waren zwei Erinnerungsalben in welchen die Entwicklung der Esso Berlin, vom Einzug in das Esso-Haus in der Bendlerstraße 41 bis in die 60er, schön gestaltet, zugeschnitten und aufgearbeitet präsentiert wurde.

Berlin-Karte, 1992 (BBWA S2/10/1026)
Als der Bestand U2/06 soweit abgeschlossen war, durfte ich wieder beim Vorsortieren einiger Bestände aus der Provenienz Merx helfen. Es hatte sich herausgestellt, dass der Bestand zu einem Großteil aus Karten und Plänen besteht, was für mich eine neue Erschließungs-Herausforderung war. Einige wichtige Erschließungsangaben bei Karten sind der Verlag oder Herausgeber der Karte sowie der Entstehungsort, das Material der Karte, der Maßstab der Karte und zu guter Letzt die Systematikgruppe, in welche die Karte eingeordnet werden muss. Die beiden wichtigsten Systematikpunkte sind „thematisch“ und „topografisch“. Thematische Karten heben bestimmte Sehenswürdigkeiten hervor. Häufig dienen sie auch als Werbung für ein Unternehmen, das dann auch auf der Karte verzeichnet ist.
Die topografischen Karten hingegen konzentrieren sich auf das Verkehrsnetz und dienen der Navigation. Anfangs war das Erschließen von Karten für mich noch ziemlich schwergängig, weil sich auch die Kollegen erstmal damit auseinandersetzen und reinfinden mussten, aber nach über 50 Karten lief das Erschließen doch sehr flüssig.
Außerdem habe ich beim Erschließen der sehr umfangreichen Bücherbestände geholfen und habe die Bücher zur Kohleindustrie, Chemie und diversen Rohstoffen erschlossen.

Objekt: MSA Ultra Elite Vollmaske (BBWA U3/31/111)
Mein letzter Bestand im Praktikum ist der Bestand U3/31 Auergesellschaft/MSA Deutschland. Zunächst habe ich die Zeitschriften und Werbebroschüren der Auergesellschaft erschlossen. Hochinteressant fand ich die Objektbestände. Neben den Standard-Werbeartikeln wie Trinkgläser, Tassen, Schlüsselanhängern, Jutebeuteln und sogar einer Kühlerfigur mit dem Zeichen der Gruben- und Gasschutzwehr ist hier auch alles rund um Atemschutzmasken enthalten. Schutzbrillen, Halbmasken, Vollmasken, Filteraufsätze für Atemschutzmasken, sowie alte Verpackungen mit verschiedensten Filtern sind hier vorzufinden. Selbstverständlich war für mich der erste Schritt vor der Erschließung, die Objekte zu reinigen. Der muffige Geruch und einige Flecken ließen sich aus dem Gummi der Bänder leider nicht „rausschrubben“ und gerade die Reinigung eines Aschenbechers war auf Grund des abblätternden Lackes nicht wirklich möglich.
Nach nun insgesamt 6 Monaten lässt sich doch sagen, dass ich wirklich zufrieden mit meinem Praktikum im BBWA war. Ich habe viele Dinge, die ich nur theoretisch kannte, in die Praxis umsetzen können. Dazu gehören der Prozess des Vorsortierens und die Erschließung verschiedenster Arten von Beständen, von Büchern und Fotos über Karten bis hin zu Objekten. Obwohl ich mich kaum als geschichtsversierte Person bezeichnen würde, muss ich gestehen, dass einige Themen und Quellen im Praktikum doch sehr interessant und unterhaltsam waren, so vor allem die Zeitungen und Zeitschriften aus Kaiser- und NS-Zeiten, die Recherche zur Verlagsdruckerei Merkur und die Esso-Erinnerungsalben. Ich empfand die Kolleginnen und Kollegen im Archiv als sehr freundlich, offen und hilfsbereit. Bei Fragen findet man stets einen Ansprechpartner, solange jemand Zeit hat, und die Arbeitsatmosphäre ist alles andere als angespannt. Bei der Bestimmung der Arbeiten, welche man im Praktikum im BBWA durchführen kann, hat man ein gutes Maß an Mitbestimmung und kriegt bei der Bearbeitung dieser mehr als genug Freiraum. Das Praktikum im BBWA hat mir definitiv einen guten Eindruck von der Arbeit im Archiv gegeben.
Text: Max Schwabe

