Wenn Unterlagen dem Archiv überlassen werden, befinden sie sich zum Zeitpunkt der Übergabe meist noch in ihren Originalverpackungen. Im Archiv wird das Material in spezielle archivgerechte Verpackungen umgebettet.
Eigentlich sind die alten Ordner und Mappen jetzt für den Müll bestimmt, doch halt: Ist das vielleicht ein Fehler? Enthalten die Mappen, Ordner und Deck- oder Werbeblätter nicht auch Informationen? Während ich weiter den Bestand U5/09 Freie Scholle umbettete, wanderten Teile der Ordner und Mappen nicht zum Recycling, sondern auf einen Stapel, der stetig anwuchs. Da die Laufzeiten der Archivalien bis in die 1920er Jahre zurückgehen, hatte ich die Vermutung, dass auch die Verpackungen teilweise aus dieser Zeit stammen. Das gab mir einen guten Startpunkt, um eine Recherche zu Büroartikelherstellern zu beginnen. Dafür nutzte ich vor allem die Bestände des BBWA, die natürlich besonders für die Berliner und Brandenburger Firmen ergiebig waren. Ich fand unter anderem Jahresbilanzen, Geschäftsbriefe, Werbematerial, Einträge in Adressbüchern und Handelsregistern sowie Zeitungsartikel. Zu einigen Firmen gab es viele Informationen, zu anderen fast gar keine oder widersprüchliche. Eine Einsichtnahme in Archivalien des Landesarchiv Berlin brachte mir leider keine neuen Erkenntnisse. Stattdessen nutzte ich viel die Digitale Landesbibliothek Berlin und Recherchetools anderer Stadt- und Landesarchive.
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Leitz
Louis Leitz (1846 – 1918) gründet 1871 eine mechanische Werkstatt in Stuttgart und erfindet 1893 den ersten Leitz-Ordner mit Hebelmechanismus und Umlegebügel. Dies ist eine Weiterentwicklung des Briefordners, der 1886 von Friedrich Soennecken erfunden wurde. Leitz und Soennecken führen jahrelang einen Patentstreit, unter anderem wegen der Normierung der Lochabstände. Hier setzt sich Leitz mit 8 cm gegen Soennecken mit nur 7 cm durch. Die Konkurrenz wird erst 1967 beendet, als Leitz Soennecken übernimmt. In Berlin eröffnet Leitz 1911 ein Zweigwerk. 1998 kauft Esselte Leitz und wird mit der Firma Esselte Leitz GmbH zum weltweit größten Büroartikelhersteller. Das Archiv von Leitz befindet sich im Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg in Stuttgart und umfasst 75 laufende Meter Archivgut aus der Zeit von 1882 bis 2000.

Herdegen
Einige Jahre nach Leitz gründet sich 1890 ebenfalls in Stuttgart die Büroartikelfabrik von Hermann Herdegen. Von Beginn an ist die Firmengeschichte mit Leitz verknüpft. Durch ein Mitbenutzungsrecht kann für die Herdegen-Ordner die patentierte Hebeltechnik von Leitz verwendet werden. In Folge des Zusammenschlusses mit der Briefordnerfabrik Aberle & Birk und dem Kauf der Papier- und Lederwarenfabrik Palwa-Werk verlagert sich der Produktionsstandort 1925 nach Berlin-Adlershof.
Das Unternehmen wandelt sich 1932 von einer OHG in eine GmbH um. Die Herm. Herdegen GmbH erwirbt 1937 das Gelände der ehemaligen Lindcar-Fahrradwerke in der Blohmstraße 35. Auf diesem über 30 000 qm großen Grundstück in Berlin-Lichtenrade entstehen Fabrikhallen mit einer Nutzfläche von 12 000 m². Mit modernen Spezialmaschinen produziert Herdegen verschiedene Büroartikel. Im Krieg werden 1943 rund dreiviertel der Fabrikhallen zerstört. Während vor dem Krieg noch etwa 700 Arbeiter beschäftigt waren, sind es 1952 nur noch 200. Zum Wiederaufbau wird dem Unternehmen ein ERP-Kredit (European Recovery Programm) in Höhe von 150.000 DM gewährt.
1956 übernimmt Leitz die Herm. Herdegen GmbH und in der Fabrik in Berlin-Lichtenrade werden nur noch Leitz-Artikel produziert. Das Unternehmen ändert noch zweimal die Rechtsform, war eine Kommanditgesellschaft mit Leitz als Kommanditist und wird schließlich zur Herm. Herdegen GmbH & Co. Es folgt 1980 ein Anbau über 1500 m². Inzwischen werden mehr als 70 Büroartikel hergestellt, sowie Werkzeuge und Spezialmaschinen. Die Büroartikel werden weiterhin vor allem an Leitz geliefert, bis Herdegen die Produktion 2004 einstellt.

Esselte
Esselte hat neben seinem Hauptsitz in Luxemburg Niederlassungen in 27 Ländern. Das Unternehmen entsteht 1913 aus einem Zusammenschluss von 13 schwedischen Unternehmen zu SLT. Nach zahlreichen Übernahmen benennt sich das Unternehmen in Esselte (eSseLTe) um und legt den Fokus auf die Produktion von Büroartikeln. 1978 übernimmt Esselte die Dymo Industries Inc. und 1998 Leitz. Dymo startet 1958 in Kalifornien als Prägeunternehmen und wird 2005 von Esselte an Newell Rubbermaid verkauft. Heute ist Dymo vor allem für seine Beschriftungs- und Etikettiergeräte bekannt. Esselte wiederum gehört heute zu ACCO, einem US-Unternehmen, zu dem viele Tochterunternehmen gehören, neben Esselte und Leitz z. B. noch Rexel, Swingline und Kensington.
Mehle
1896 gründet Emil Mehle eine Fabrik in Göttingen. Gefertigt werden Aktenordner und Büroregistraturartikel. Der bekannteste Artikel ist der 1906 patentierte Briefordner mit der grünen Mehle-Aufschrift. Mit diesen und anderen Produkten gelangt das Unternehmen zu größerer Bedeutung in Deutschland und wird im II. Weltkrieg als kriegswichtiger Betrieb eingeschätzt. In der Mehle GmbH wurden daraufhin in der NS-Zeit 50 italienische Zwangsarbeiter eingesetzt, die auch auf dem Gelände der Fabrik wohnten. Durch schwere Beschädigungen der Fabrik beim letzten Bombenangriff auf Göttingen 1945 musste nach dem Krieg der Wiederaufbau beginnen. Dies gelang und die Produktion konnte wiederaufgenommen werden. 2006 wurde Mehle an den Konkurrenten Elba verkauft und der Fabrikstandort in Göttingen geschlossen. Heute befindet sich in den Räumen der ehemaligen Fabrik von Emil Mehle das Stadtarchiv Göttingen.

Elba
Elba beginnt 1917 mit der Fertigung von Aktenordner durch den Gründer Erich Kraut (1891 – 1978). Der Name „Elba“ ist ein Akronym der Nachbarstädte Elberfeld und Barmen, die später vereinigt wurden und heute Wuppertal heißen. Eine andere Bedeutung wird der Firma durch den Werbeslogan „Erfolgreiche Lösungen für Besseres Arbeiten“ gegeben. Ab 1930 werden die Aktenordner in Wuppertal industriell hergestellt und 1953 das Produkt Elba Rado auf den Markt gebracht. Es handelt sich hierbei um eine verbesserte Einrastfunktion für Ordner, die diese stabiler und standfester macht. Der Name „Rado“ entwickelte sich wohl als Akronym für „Richtiges Aufstellen Des Ordners“.
1998 wird das Unternehmen insolvent und der Produktionsstandort in Wuppertal muss schließen. Die Geschäftstätigkeiten werden 1999 in die Hamelin GmbH überführt und der Geschäftssitz nach Gelsenkirchen verlegt. 2014 muss auch dieser Standort schließen, Elba wird aufgelöst, die Produkte werden allerdings durch die Hamelin weitervertrieben.

Herlitz
Das Unternehmen wird 1905 durch Carl Herlitz in Berlin-Schöneberg als Papier- und Schreibwarengroßhandlung gegründet. Zumindest zeitweise ist der Firmensitz in der Vorbergstraße 1. 1968 sind die Geschäftsbereiche aufgeteilt auf die Verwaltung in der Feurigstraße 54 und die Verkaufsräume in der Kolonnenstraße 26, was einen nicht unerheblichen Anstieg des Umsatzes vermuten lässt. Herlitz wächst stetig und erreicht Mitte der 90er Jahre eine Beschäftigtenzahl von 5000. In Spandau baut Herlitz das zu der Zeit größte Hochregallager der Welt mit 70 000 Palettenplätzen. Herlitz unterhält auch Geschäftsbeziehungen ins Ausland, unter anderem in den Libanon, wie aus einem Beschwerdebrief eines Kunden aus Begdache von 1986 hervorgeht. Aufgrund dieser Tätigkeiten im Ausland ändert das Unternehmen 1989 seinen Namen in Herlitz International Trading AG.

Geschäftsbericht von 1995 (BBWA S2/06/3320)
Die Entscheidung von 1987, eine eigene Ladenkette mit dem Namen „McPaper“ zu eröffnen, führte allerdings zu Schwierigkeiten. Einerseits war es zwar ein Gewinn, die Herlitz-Produkte direkt durch McPaper vertreiben zu können. Die anderen von Herlitz belieferten Schreibwarenhändler waren von der neuen Konkurrenz allerdings nicht begeistert, da ihnen durch die McPaper-Geschäfte Umsatz verloren ging. Gegen Ende der 90er-Jahre zeichnet sich für Herlitz eine Krise ab. Die Kapazitäten des neu errichteten Produktions- und Versandzentrums in Falkensee werden nicht ausgeschöpft und Investitionen in den Immobilienmarkt stellen sich als nicht rentabel heraus.
2002 muss Herlitz die Insolvenz anmelden, es werden Angestellte entlassen, Fabrikstandorte und Auslandsgesellschaften geschlossen und nach und nach Anteile des Unternehmens verkauft. Schließlich wird Herlitz 2015 von Pelikan übernommen, nachdem Pelikan schon 2009 bei Herlitz eingestiegen war. 2023 gibt das Bundeskartellamt die Übernahme von Pelikan durch die Groupe Hamelin frei. Ab 2025 werden die Produkte von Pelikan und Herlitz dann nur noch durch die Hamelin GmbH vertrieben, der Standort in Falkensee soll geschlossen werden.

Stolzenberg
Der Beamte Carl Gladitz erfindet 1895 den Schnellhefter und gründet zwei Jahre später die Firma Stolzenberg in Soden-Salmünster. Bald zieht Stolzenberg nach Baden-Baden um. 1900 folgt eine Niederlassung in Berlin mit Verkaufsräumen im Bezirk Mitte in der Charlottenstraße 23, Verwaltungsräume waren in der Charlottenstraße 19 in Kreuzberg. 10 Jahre später ist die Fabrik Stolzenberg eine GmbH und zieht in die Markgrafenstraße 92 – 93 in Kreuzberg und die Leipziger Str. 38 in Mitte um. In den 1920er Jahren war die Firma Stolzenberg Deutsche Büro-Einrichtungs-AG Marktführer als Büroausstatter in Deutschland. Seit der Gründung hatte sich die Firma mehrere Male umbenannt und die Geschäftsform geändert, es existierten zeitweise mehrere Unternehmen „Stolzenberg“ mit verschiedenen Zusätzen, die in unterschiedlichen Geschäftszweigen tätig waren. So gab es 1991 zum Beispiel neben der Fabrik Stolzenberg Deutsche Büro-Einrichtungs-GmbH noch die Stolzenberg Innenausbau GmbH und die Stolzenberg Montage GmbH. Gegen die Fabrik Stolzenberg Deutsche Büro-Einrichtungs GmbH lief 2005 ein Insolvenzverfahren und 2008 folgte die Auflösung.

Postkarte von 1964 (BBWA K1/1/13422)
Die „Stolzenberger Schnellhefter“ werden schon 1905 in einem Inserat im Berliner Adressbuch erwähnt. Sie enthalten den Schriftzug „Suum cuique“, mit einem Logo, in dem die Burg Stolzenberg bei Bad Soden abgebildet ist. Der Schriftzug „Suum cuique“ ist wegen der Verwendung am Eingangstor des KZ Buchenwald – Jedem das Seine – heute höchstproblematisch.

Eugen Kölle
Auf dieses Unternehmen stieß ich durch einen Stempel auf dem Stolzenberger Schnellhefter: „Eugen Kölle – Das Haus für Bürobedarf“. Im Adressbuch von Eberswalde von 1922 fand ich Eugen Kölle unter den Rubriken Abschriften- und Vervielfältigungsbüro und Bürobedarfshandlungen, beide am Alsenplatz 2. Auch 1938 ist das Unternehmen noch am Alsenplatz, allerdings in der Hausnummer 14. Im Eberswalder Jahrbuch von 2004/2005 des Heimatkundevereins Eberswalde gibt es einen Abschnitt zu Eugen Kölle, dieser Text ist aber online nicht einsehbar. Ich konnte nicht genau bestimmen, bis wann die Firma existierte, die Datierung der Archivalien zu Eugen Kölle im Brandenburgischen Landeshauptarchiv lässt aber vermuten, dass sie mindestens bis 1952 bestand.

Frings Bürobedarf
Zur Unternehmensgeschichte der 1919 von Josef Frings gegründeten Firma Frings Bürobedarf finden sich wenige Informationen. Frings Bürobedarf produziert Papierwaren und Büroartikel für Großverbraucher. Im Firmenlogo ist die Verschmelzung des Namens Josef Frings, „Frijo“, zu sehen. Josef Frings verstarb im Oktober 1968 und Marion Frings wurde Alleininhaberin der Firma.

Kastenwagen mit Aufschrift „Josef Frings“, ca. 1950-1955 (Quelle: FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum, https://berlin.museum-digital.de/object/140217, CC0)
Im FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum gibt es Ansichtskarten, die den Schriftzug der Firma auf Lastengespannen zeigen. An der Hausfassade im Hintergrund der Bilder steht der Schriftzug „Gross-Vertrieb – Papier- und Bürobedarf“ und „Frijo“. Das Unternehmen muss also in diesem Berliner Haus in der Ritterstraße 68 ansässig gewesen sein, was sich auch durch einen Eintrag im Berliner Adressbuch von 1924 bestätigen lässt. Die Firma zog in derselben Straße noch zweimal um, 1930 in die Hausnummer 51 und 1934 in die Nummer 36, wo die Firma bis mindestens 1941 blieb. Danach findet sich im Amtlichen Fernsprechbuch für Berlin von 1952 als Firmensitz die Gelfertstraße 53 und nur drei Jahre später ist die Anschrift die Potsdamer Straße 96. Wie lange das Unternehmen nach 1955 noch bestand, ob es nochmal umzog oder sich umbenannte, konnte ich nicht ermitteln.

Wilhelm Becker
Zur Geschichte der Papiergroßhandlung Wilh. Becker in Haan habe ich kaum Informationen gefunden. Es gab einen Wilhelm Becker (1891 – 1957), der vor allem als Politiker und Mitglied im nationalsozialistischen Reichstag bekannt ist, aber auch von 1922 bis 1928 Geschäftsführer einer Papiergroßhandlung bei Köln war. Allerdings liegt Haan eher zwischen Düsseldorf und Wuppertal und nicht direkt bei Köln. 1933 wurde Wilhelm Becker Teilhaber eines Großhandels namens Wilh. Becker Bürobedarf in Krefeld. Ob es sich bei diesem Wilhelm Becker tatsächlich um den Namensgeber des Unternehmens handelt, konnte ich nicht klären. Falls Ihnen, lieber Leser, etwas zur Geschichte dieser Firma bekannt ist, dürfen Sie dies gerne mit dem BBWA teilen.
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Besonders interessant war für mich während der Recherche die Entwicklung von einem Geflecht aus kleinen Einzelunternehmen hin zu großen ausländischen Investoren mit vielen Tochterunternehmen. Nach dieser Recherche werde ich in Zukunft beim Umbetten sicher mit anderem Blick, bzw. überhaupt einmal, auf die alten Ordner und Mappen schauen. Es ist doch erstaunlich, wie auch diese oftmals für wertlos erachteten Materialien ein Stück der Unternehmensgeschichten bezeugen können.
Text: C. Busch


Liebe Frau Estler-Ziegler
Haben Sie Dank für ihren grossartigen und informativen Text. Wunderbar! Ich bin eine deutsch-schweizer Schriftstellerin und arbeite gerade an einem Roman, in welchem ich eintauche in die Welt der Büroartikelhersteller rund um die Zeit des 2. Weltkrieges. Da hilft mir ihr Text sehr weiter!!
Ich bin dabei mehrfacha auf Erich Kraut (Elba / Wuppertal) gestossen, der offenbar nach dem Krieg mit Leitz zusammengearbeitet hat. Hier ein Zitat aus meinen Unterlagen: August 1948: „Kraut hat genügend zu tun mit der Fabrikation um Leitz- und Elbaordner, sein Interesse [an der Mitwirkung in einer anderen Firma, BB] wird erst wieder wach werden, wenn Papier und Pappe reichlich da ist und der Verbraucher wieder diktiert.“ Ich interessiere mich für die Person Erich Kraut, insbesondere dafür, wie seine Entwicklung in den Jahren 1945 – 1950 und wie seine Beziehung zu Leitz in dieser Zeit war. War er in dieser Zeit Miteigentümer von Leitz? Und falls ja, seit wann? Wie könnte ich diesbezüglich weiterführende Informationen bekommen. Besten dank für Ihre Bemühungen, freundliche Grüssse und frohe Weihnachten, Dr. Barbara Bonhage, Autorin / HIstorikerin