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10. Abend zur Industriekultur

Gut gefüllter Goldberger-Saal zum historischen Vortrag "Zeitungsstadt Berlin" (Bild: BBWA)

„Presse in Berlin” – Zeitungen in ihrer Zeit”

Bis auf den letzten Platz waren die Reihen im exklusiven Goldberger-Saal im Ludwig-Erhard-Haus gefüllt, als Rainer Laabs, Leiter des Unternehmensarchivs der Axel Springer SE, das Podium betrat, um die Gäste des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs (BBWA) durch 400 Jahre Berliner Medienstadt zu führen. Ergänzt wurde sein Vortrag durch die Ausführungen von Jörg Hunke, Ressortleiter Panorama/Medien bei der Berliner Zeitung, der sich dem Thema „Zukunft der Zeitung – Zeitung der Zukunft” widmete. Der Industriekulturabend, der gemeinsam vom Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv (BBWA) und dem Verein für die Geschichte Berlins nun zum zehnten Mal organisiert wurde, widmete sich der Entwicklung der Zeitungsbranche sowie der Frage, ob die Zeitung sich im digitalen Informationsmarkt der Zukunft behaupten kann. Es ist kein Zufall, dass das BBWA nach dem Themenabend zur Presse in Berlin und der Vorstellung der neuen digitalen Medien seine offizielle Facebook-Präsenz eröffnet hat. Besucher sind herzlich willkommen!

Rainer Laabs: Berlin als Zeitungsstadt

Rainer Laabs beginnt seinen Vortrag, indem er den Begriff Zeitung definiert. Er zitiert eine Definition von Emil Dovifat, Professor für Zeitungswissenschaft und Allgemeine Publizistik an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, von 1926, die jedoch heute noch ihre Gültigkeit hat: Eine Zeitung muss Aktualität, Publizität, Universalität und Periodität vorweisen.

Die Anfänge

Danach startete seine Reise durch 400 Jahre im Jahre 1605 in Straßburg, als das erste gedruckte Nachrichtenblatt als eine Art historische Erzählung ausgegeben wurde („Relation aller Fuernemmen und gedenckwuerdigen Historien”). Die erste regelmäßig erscheinende Zeitung wurde ab 1609 wöchentlich mit dem Titel „Was sich ergeben wird” und dem Motto „Lesen und Weitergeben” verteilt. Dieses frühe Zeitungsmotto fand sich auch in Krisenzeiten auch auf modernen Zeitungen wieder, etwa auf Zeitungspublikationen unmittelbar bei Kriegsende in Berlin.

Die älteste Zeitung der Stadt Berlin wurde 1617 von Christoff Frischmann herausgegeben. Auch sie erschien einmal in der Woche. Die erste täglich erscheinende Zeitung der Welt wurde ab 1650 gedruckt.

Die erste größere inhaltliche Veränderung der Zeitung erfolgte durch Friedrich den Großen. Schon kurz nach seiner Thronbesteigung 1740 ließ Friedrich II. in Berlin zwei neue Zeitungen herausgeben, eine in deutscher, die zweite in französischer Sprache. Da er wollte, dass seine Zeitungen gelesen werden – insbesondere weil er vor hatte, Krieg zu führen, für den er Rückhalt in der Bevölkerung und ein Instrument der Masseninformation brauchte – mussten seine Zeitungen authentisch und glaubwürdig sein. Sie sollten und von Dingen erzählen, die von jedermann nachgeprüft werden konnten. Er war deshalb gegen die Zensur der Zeitungen und äußerte im gleichen Jahre (1740): „Dem hiesigen Berlinischen Zeitungsschreiber (soll) eine unbeschränkte Freiheit gelassen werden zu schreiben, was er will, ohne dass solches zensiert werden soll.” 1742 erfolgte die Aufhebung der Zensur. Das war ein erster wichtiger Schritt in Richtung Presse- und Meinungsfreiheit (auch wenn man ihn nicht überbewerten sollte).
Die Zeitungen brachten von Anfang an bereits Kleinanzeigen und Nachrichten aus aller Welt (allerdings um Monate zeitversetzt). 1866 gab es in Berlin schon zehn Zeitungen.

Zeugnisse aus dem Unternehmensarchiv von Springer: Die Familie Ullstein

Verleger wie Mosse, Scherl und Ullstein, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert eine neue Ära des Zeitungswesens einleiteten, ließen die Kochstraße zu einer Art Berliner „Fleet Street” werden.
Den weiteren Verlauf der Entwicklung bindet Laabs an die Familie Leopold Ullsteins mit Zeugnissen aus seinem Unternehmensarchiv, in dem auch Pläne zur Entwicklung des Geländes an der Kochstraße und in Tempelhof archiviert sind. Beispielsweise gibt es von der Bronze-Eule, die an der Außenseite des Ullstein-Hauses aufgestellt ist, eine Zeichnung im Archiv.

Leopold Ullstein gründete den Ullstein-Verlag, nachdem er das „Neue Berliner Tagblatt” und die „Berliner Zeitung” erworben hatte. Im Jahr 1894 kaufte Ullstein die 1892 gegründete „Berliner Illustrierte Zeitung”, die er zur bedeutendsten deutschen Wochenzeitung fortentwickelte. Die fünf Söhne Leopold Ullsteins haben sich alle auf das Zeitungswesen spezialisiert, allerdings mit unterschiedlichen Berufen.

Zeitungsvielfalt auf Berlins Straßen (Bild: Unternehmensarchiv der Axel Springer SE)

Zeitungsvielfalt auf Berlins Straßen (Bild: Unternehmensarchiv der Axel Springer SE)

Bis 1904 wurden die Zeitungen ausschließlich über Abonnements bezogen. Nachdem aber der Straßenverkauf von Zeitungen zugelassen worden war und Ullsteins Sohn Louis gleichzeitig die Produktionsabläufe nach US-amerikanischem Vorbild modernisiert hatte, wurde die Grundlage eines neuen Zeitungstyps in Deutschland gelegt: Die Berliner Zeitung am Mittag (B.Z.) gilt als erstes Boulevardblatt Deutschlands. Die Zeitungen gab es fortan in Kiosken, Buchläden und über Straßenverkäufe zu beziehen.
Dadurch wuchs das Zeitungsangebot mit Morgen- und Abendausgaben in Berlin trotz der Weltwirtschaftskrise von 1929 zu einer bemerkenswerten, bis heute nicht wieder erreichten Größe und Bedeutung.

Das Jahr 1933 stellte für die Presse die Zäsur schlechthin dar – rigoros betrieben die Nationalsozialisten die „Gleichschaltung” der Medien. Die Presse wurde unterdrückt bzw. fortan staatlich gelenkt. In dieser Zeit erlitten zwei der Ullsteinbrüder einen Herzinfrakrt. Die drei anderen Brüder, als Mitglieder einer jüdischen Familie, mussten ihr Unternehmen für 10 Prozent seines Wertes 1934 verkaufen. Sie flüchteten ins Ausland.

Die Bomben des Zweiten Weltkrieges zerstörten das traditionsreiche Zeitungsviertel an der Friedrichstraße. Nach Kriegsende sind die Ullsteins noch im Ausland. Als der erste Bruder nach Berlin zurückkommt, einen Prozess führt und Recht bekommt, hat er die notwendigen Mittel, die Berliner Morgenpost und die BZ wieder auf den Markt zu bringen.

Medienquartier mit Zukunft

Mehr und mehr kaufte sich Axel Springer in den Nachkriegsjahren bei Ullstein ein. 1959 legte er den Grundstein seines Hauses an der Grenze einer damals vorerst nur politisch geteilten Stadt. Er kam zu einer Zeit nach Berlin, zu der viele andere Unternehmen die Stadt verließen. Die Mauer, die 1961 direkt an seinem Haus errichtet wurde, hatte er nicht erwartet. Sie zerschnitt das Viertel bis zur Wiedervereinigung Deutschlands.

Bald dominierte Springer die Medien der Stadt und die Kritik an ihm und seinen Produkten wuchs insbesondere in den unruhigen Jahren von 1966/1968 – die Jahre der Hochschulreformen und des Todes von Rudi Dutschke, für dessen Tod Springer verantwortlich gemacht wurde.

Heute ist in direkter Nachbarschaft zu Springer die Redaktion der taz zu finden. Geht man von dort Richtung Springer-Haus, kommt man zu einer Straßenecke, an der sich die Rudi-Dutschke-Straße und die Axel-Springer-Straße treffen. Mit großem Gelächter reagierte das Publikum im Golderberger-Saal, als Laabs auf das Bemerkenswerte an dieser Kreuzung hinwies: Man müsse rechts abbiegen, wenn man von der Axel-Springer-Straße in die Rudi-Dutschke Straße will.

Nach und nach haben Zeitungen und Medien der digitalen Welt an die traditionsreiche Stätte rund um die Kochstraße zurückgefunden. Heute schon kann sich die Medienstadt Berlin mit allen anderen messen. Dem „historischen Presseplatz” ist zu wünschen, dass er zu einem „Medienquartier mit Zukunft” wird.

Jörg Hunke: Die Zeitung der Zukunft – die Zukunft der Zeitung

Ja, die Zeitung sei in der Krise, beginnt der zweite Referent des Abends, Jörg Hunke, seinen Vortrag, um jedoch sofort mit dem zweiten Atemzug enthusiastisch zu beteuern, dass die Zeitung ein tolles Produkt sei, das Grundlager einer allgemeinen Informiertheit sei, ohne die man kaum aufmerksam und der Gesellschaft zugewandt durch den Tag oder sich gar unterhalten könne. Was die Zukunft der Zeitung anbelangt, ist Jörg Hunke vollkommen positiv eingestellt. Und das nicht nur, weil die Zeitung aus Papier selbst in Zeiten der digitalen Transformation klare Vorteile habe: Zum Beispiel ist sie irgendwann ausgelesen und man kann sie beiseite tun.
Die Papierverdränger

Die Referenten (v.l.n.r.): Rainer Laabs, Klaus Dettmer, Jörg Hunke (Bild: BBWA)

Die Referenten (v.l.n.r.): Rainer Laabs, Klaus Dettmer, Jörg Hunke (Bild: BBWA)

Mit einem Trailer, den er zur Einstimmung vorführt, betritt er mit seinen Zuhörern die digitale Welt und stellt die Papierverdränger der neuen Medienlandschaft vor, die sich seit der Gründung des Internets 1991 ständig erweitert. Sie sind die größten Konkurrenten der herkömmlichen Tageszeitung und zeigten, dass neue Medien auch neue Konsumgewohnheiten mit sich bringen . aber auch neue Produktionsmöglichkeiten für den Zeitungsmacher.

Hunkes kurzes Einführungs-Video etwa wurde mit dem Smartphone in kürzester Zeit erstellt. Über das Smartphone kann jeder Programme nutzen, mit denen Videos zusammengeschnitten werden und mit Musik unterlegt werden können. Das fertige Produkt kann über Verteilungsplattformen (z.B. YouTube) ins Netz gestellt werden. Danach hat alle Welt darauf Zugriff – kostenfrei.

Mit Facebook wurde 2004 das erste weltweit zu nutzende soziale Netzwerk gegründet, mit dem Informationen schneller gestreut sind, als E-Mails es können. Die Informationen können überdies sichtbar geteilt werden und das – wenn es gewollt ist – mit mehr als einer Milliarde Menschen weltweit. Diese können überdies ihre Kommentare dazu sofort einstellen und bringen einen schnellen Dialog in Gang. Diese direkte Interaktion ist mit einer Zeitung aus Papier nicht möglich.
Twitter ist für Informationen der noch schnellere Kanal. Kurze Textbeiträge, die angemeldete Nutzer erstellen können, sind auf wenige Zeichen begrenzt. Sie sind standardmäßig öffentlich für jeden (auch unangemeldete Leser) sichtbar. Die unglaublich schnelle Informationslawine, die auf einen Twitter-Eintrag zu einem Vorfall vor dem Weißen Haus in Washington folgte, setzte alle Twitter-Nutzer weltweit auf den gleichen Informationsstand, den der Berichterstatter vor dem Weißen Haus hatte. Diesen wiederum konnte der Journalist nutzen und in seine Recherche einbeziehen.

Diese digitalen Informationsmedien wurden bis vor kurzem auf dem heimischen PC gelesen. Doch der Trend der Desktop-Nutzung ist rückläufig. Mit kleineren und vor allem ortsungebundenen Formaten wie Notebook, Tablet und Smartphone ist der Nutzer mobiler und nicht an sein Zuhause gebunden.

Online-Journalismus

Und doch gab es nie eine so gute Zeit für Journalisten wie heute. Denn heute lässt sich die traditionelle journalistische Darstellungsform durch den Online-Journalismus ergänzen. Die Möglichkeiten der Interaktion und Kommunikation, die die digitale Welt bietet, können genutzt werden. Der Journalismus wird multimedial und kann je nach Thema und Wunsch des Journalisten mediengerecht in Text, Bild, Ton oder Film ungesetzt und durch Hinweise vertieft werden. Eine heutige „Tagesschau” ist ohne die weiterführenden Hinweise auf „www” schon nicht mehr denkbar. Die Möglichkeiten sind vielfältig.

Aber auch auf der Leserseite haben sich die Möglichkeiten erneuert. Es gibt Tablets, Notebooks, Smartphones und den PC, die sich als schnelle Informationsquelle nutzen lassen. Die Berliner Zeitung beispielsweise, betont Hunke, bietet den abendlichen Theaterservice: Kaum ist in Berlin ein Theaterstück zu Ende, findet der Besucher eine Kurz-Kritik auf seinem Smartphone und schon ist die Diskussion um das Theater-Stück angekurbelt

Immer neue technische Innovationen kommen auf den Markt. Die Google-Brille, mit der in 3D sogar eine begehbare Zeitung denkbar wäre Die iWatch , die das lästige Suchen nach dem Handy ablösen kann, denn sie zeigt auf dem Armband alles, was das Handy auf seinem Display hat. Warum nicht einen Artikel der Berliner Zeitung auf der iWatch lesen? Spannende Ideen aus der faszinierenden Welt der Zeitungszukunft? Hunke erinnerte daran, wie der Siegeszug der Armbanduhr begann: Als die Leute keine Lust hatten, immer erst die Uhr aus der Tasche zu ziehen, wenn sie nach der Zeit sehen wollten, habe sich das Gerät am Handgelenk durchgesetzt. So werde es mit dem Handy auch gehen, das man irgendwann nicht mehr aus der Tasche werde ziehen wollen …

Die Online-Reichweiten der Medien wachsen stark. Die Auflagen der Zeitungen sind rückläufig. Deutsche Zeitungen verlieren ihre Leser. Die Medienlandschaft ist im Umbruch und Online Magazine wie beispielsweise „Vice” sind insbesondere bei jungen Lesern auf dem Vormarsch.

Neue Geschäftsmodelle contra Gratiskultur im Netz

Im Internet ist alles jederzeit zu finden, jeder kann sich jede Informationen holen und das im Gegensatz zur Zeitung kostenlos und schnell. Die Produktion einer Zeitung ist langsam und teuer. Es bedarf neuer Geschäftsmodelle für die Verlage um der Kostenlosnutzung der digitalen Nachrichten und Informationen etwas gegenüber zu stellen.
Eines ist klar: Wer Internetnutzer zum Kauf von Nachrichten anregen will, muss einen Mehrwert bieten. Exklusivität braucht eine neue Definition. Hier gibt es viele Vorschläge für neue Modelle und bisher wenig Lösungen. Jörg Hunke, denkt stellvertretend für viele andere Möglichkeiten beispielsweise an die Personalisierung der Nachrichten, wie es die ZEIT mit ihrem Chefredakteur Giovanni di Lorenzo im Netz macht. Dort stellt Lorenzo in einem kurzen Video unter dem Titel „Ein Blick in die ZEIT§ Themen der aktuelle Ausgabe vor. Ziel solcher Kampagnen ist es, beim Betrachter zu erreichen, dass der sich sagt „Lorenzo ist glaubwürdig, dem folge ich”. Hunke verweist ebenfalls auf die Medienvielfalt, derer sich der Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki bedient hatte

Aber – so Hunke abschließend – er kann auch noch keine Lösung versprechen. Aber eines wisse er ganz genau, dass der Beruf „Journalist” ein toller Beruf ist – für welches Medium auch immer.

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