Nun sind 20 Wochen fast vergangen, und mein Praxissemester im Berlin-Brandenburg-ischen Wirtschaftsarchiv (BBWA) neigt sich dem Ende zu. Kaum zu glauben, wie schnell die Zeit vergangen ist. In diesen Monaten durfte ich nicht nur tief in die Welt der Wirtschafts-archive eintauchen, sondern auch wertvolle Erfahrungen sammeln, die mich fachlich und persönlich weitergebracht haben.
Meine wichtigste Aufgabe war die Bearbeitung des Bestandes der Buchhandlung Kiepert. Dabei ging es zuerst darum schon geleistetes grundsätzlich zu Überarbeiten. Darüber hinaus gab es umfangreiche Nachlieferungen, bei denen fast das volle Programm der archivischen Erschließung nötig war.

Artikel aus dem Berliner Kurier, 30.04.1997 (BBWA U6/06/356)
Einige der Unterlagen mussten noch umgebettet werden, was manchmal herausfordernd werden konnte, weil im Bestand auch Objekte und sehr große Formate vorkommen. Ansonsten mussten viele Akten verzeichnet werden. Dabei bin ich auf viele faszinierende Sachverhalte und Vorgänge gestoßen. Immer im Gedächtnis wird mir beispielsweise eine umfangreiche Sammlung von Beschwer-den bleiben. Diese werden schon mal zum Anlass für Höchstleistungen an Redege-wandtheit genommen. Ein Kunde schreibt, dass es ihm eine Behinderung „nicht mehr so freudenreich ermöglicht, in Ihrem allmählich ausufernden Etablissement wie eine Gazelle von Geschoss zu Etage zu springen.“ (U6/06/84) Wenn man bedenkt, dass ein guter Teil des Publikums absolut bibliophil gewesen sein durfte, sind solche Vorkommnisse wohl nicht weiter verwunderlich.
Eine Besonderheit war für mich das Verfassen der neuen Bestandsbeschreibung. Dass diese ab nun für viele Jahre verfügbar sein wird und für andere Menschen der erste Zugang zum enthaltenen Wissen darstellt, erfüllt mich mit großer Freude.
Es bleibt natürlich auch nicht aus, dass man sich intensiv mit der historischen Einordnung des Materials beschäftigt. Besonders wird mir sicherlich der ganze Komplex um den festen Ladenpreis im Buchhandel im Gedächtnis bleiben. Dieser wird seit Jahrzehnten leidenschaftlich attackiert, verteidigt und verhandelt.
Neben der praktischen Archivarbeit war auch eine Rechercheaufgabe Teil meines Praktikums. Die Ergebnisse dieser Recherche werden hier im Blog als Serie „Berliner Laufbildprojektoren“ veröffentlicht. Ich tauchte intensiv ein in die Welt des frühen Films, wofür ich auch das Landesarchiv Berlin als Nutzer besuchte. Besonders herausfordernd war es dabei, Informationen über die Produktion der Laufbildprojektoren selbst zu finden, da viele der Firmen auch in anderen Bereichen engagiert waren. Am Ende konnte ich jedoch einige Berliner Firmen herausarbeiten – eine spannende Erfahrung, die mir wieder gezeigt hat, wie wertvoll und vergänglich die Überlieferung sein kann. Während große und bekannte Namen massenhaft rezipiert werden und aufzufinden sind, muss man sich wirklich ins Zeug legen, um bei anderen Erfolg zu haben.
Auch die Veranstaltungen, an denen ich teilnehmen und mitwirken durfte, waren echte Highlights. Der Berliner Archivtag bot wertvolle Einblicke in das brandaktuelle Thema KI im Archiv und bot die Gelegenheit, mit Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Bereichen ins Gespräch zu kommen. Es wurde sehr deutlich, dass sich viele noch etwas orientierungslos fühlen mit so vielen neuen Möglichkeiten, während gleichzeitig noch völlig unklar ist, ob und in welchen Bereichen sich neue Techniken gut integrieren lassen. Da ich sehr gerne und häufig Tagungen besuche, bin ich sehr dankbar für diese Möglichkeit gewesen.

Goldberger-Saal im Ludwig-Erhard-Haus, 11/2024 (Foto: Felix Ulrich)
Ein weiteres Highlight war der Industriekulturabend des BBWA im November. Als Praktikant war ich an der praktischen Vorbereitung und Begleitung der Veranstaltung eingespannt. Das betrifft insbesondere die Bewirtung der Gäste. Ich fand es spannend zu sehen, wie das Publikum aufgestellt war. Es wurde deutlich, dass verschiedenste Leute mit sehr divergierenden Interessen und Hintergründen diese Veranstaltungen besuchen. Einfach super ist auch der Goldberger-Saal im Ludwig-Erhard-Haus. Wer den noch nicht kennt, sollte dringend zum nächsten Industriekulturabend kommen!
Fazit – was bleibt?

Büroraum BBWA (Foto: Felix Ulrich)
Mit all diesen Erfahrungen verlasse ich das BBWA mit einem wehmütigen, aber zufriedenen Gefühl. Ich nehme viele neue Erkenntnisse zur Archivpraxis aber auch zur historischen Forschung mit. Ich konnte meine Fähigkeiten vor allem in der Erschließung weiterentwickeln, habe neue Perspektiven auf die Archivlandschaft gewonnen und hatte die Gelegenheit, mich intensiv mit einem Bereich zu beschäftigen, der mir vorher noch weitgehend unbekannt war. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit und freue mich darauf, das Gelernte in meiner weiteren beruflichen Laufbahn anzuwenden.
Vielen Dank an das Team des BBWA für die spannende und lehrreiche Zeit!
Text: Felix Ulrich

