Wer in diesem Jahr den neuen Circus Busch-Berolina besucht, dem begegnen im Programm-Magazin eine Reihe von Fotos aus dem Bestand des Circus Busch-Archivs (BBWA N7) von Pfarrer Martin Schaaff, das im Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv eine neue Heimat gefunden hat. „Circus Busch und Berlin gehören zusammen“ hatte Pfarrer Schaaff stets voll Überzeugung gesagt. Und damit dies auch in Zukunft so bleibt, hat Paul Michael Busch in diesem Jahr ein neues Lizenzgeschäft mit Mario Spindler und dessen Circus Berolina begonnen, der ebenfalls mit der Hauptstadt eng verbunden ist.
Aber der Reihe nach: Die Wurzeln des Circus Berolina liegen im 1935 gegründeten Circus Barlay, dessen Direktor „Harry Barlay“ (1898-1989) eigentlich Reinhold Kwasnik hieß. Nach Kriegsende kam er mit seinem Circus nach Berlin und konnte 1948 in der Friedrichstraße einen festen Circusbau eröffnen – dort, wo heute der (neue) Friedrichstadtpalast steht. Anders als das 1937 abgerissene Gebäudes des Circus Busch war es allerdings lediglich ein Holzbau, dessen Mittelstück übrigens noch heute existiert, und zwar auf dem Gelände des einstigen Staatszirkus-Winterquartiers in Hoppegarten, wo es lange Zeit als Probenmanege genutzt wurde. Innerhalb kürzester Zeit wurde Barlay zum Circuskönig im Nachkriegsberlin. Als er jedoch eine Enteignung fürchten mußte, ging er im April 1950 mit einem Großteil seines Materials in den Westen, wo sein Circus noch bis 1957 bestand.

Programmheft Staatszirkus Berolina 1987.
Der in Ost-Berlin verbliebene Rest kam unter kommunale Verwaltung und wurde 1960 Betriebsteil des VEB Zentralzirkus (später Staatszirkus). Zugleich erhielt der Circus den neuen Namen „Olympia“, ab 1968 dann Berolina. Unter Direktor Hans Bernsdorf wurde Berolina vom kleinsten zum größten Betriebsteil des Staatszirkus. Er gastierte nicht nur viele Jahre in der damaligen Tschechoslowakei, sondern u. a. auch in Griechenland und war auch Schauplatz der legendären Fernsehshow „Nacht der Prominenten“.
Nach der Wende wurde aus dem Staatszirkus die „Berliner Circus Union GmbH“. Unter ihrem Dach wurde Berolina 1991 mit dem weiteren Staatszirkus-Betriebsteil „Busch“ zum „Circus Busch-Berolina“ zusammengelegt. Und jetzt wird es etwas kompliziert: Jener Circus Busch hatte mit der Berliner Busch-Dynastie nichts zu tun, sondern ging auf den Circus (Jacob) Busch aus Nürnberg zurück, der nach dem Krieg in der Ostzone „hängengeblieben“ und 1952 enteignet worden war. Als 1961 der Barlay-Bau in der Friedrichstraße in „Busch“ umbenannt wurde, bezog sich die Namensführung dann auch auf jenen Circus (Jacob) Busch und nicht auf die Berliner Busch-Dynastie. Allerdings wurde das Gebäude schon 1963 geschlossen, und so ist der Namenswechsel von 1961 heute schon fast vergessen. Nicht nur Circushistoriker sprechen weiterhin nur vom „Barlay-Bau“.

Jockeyreiter im Circus Busch-Berolina – Foto von Adriana Tiedt.
Dem 1991 entstandenen Circus Busch-Berolina sollte jedoch kein langes Leben beschieden sein: Im Mai 1992 unternahm die Treuhand den Versuch einer Privatisierung, der völlig mißglückte, so daß das Unternehmen nach dem Weihnachtsgastspiel in Dresden 1992 eingestellt werden mußte. Dort hatte der Circus allerdings nur noch unter dem Namen „Berolina“ gespielt. Inzwischen hatte nämlich die Berliner Circus Union die Marke „Circus Busch“ schützen lassen, interessanterweise mit dem Zusatz „Berlin“, obwohl es sich ja bei dem Staatszirkus-Betriebsteil „Busch“ eigentlich um den Circus Busch-Nürnberg gehandelt hatte. Damit war eine kuriose Situation entstanden, denn die Berliner Busch-Dynastie hatte 1962 eine Kooperation mit dem Circus Roland begonnen, der nun als „Doppel-Circus Busch-Berlin & Roland-Bremen“ (kurz: Busch-Roland) firmierte. Das Problem um den „doppelten Busch-Berlin“ löste sich jedoch sehr bald in der Weise, daß der Circus Busch-Roland im Sommer 1992 von der Berliner Circus Union nicht nur die Marke „Circus Busch-Berlin“, sondern auch Teile des Busch-Materials erwarb. Heinz Geier, der Direktor des Circus Busch-Roland, verzichtete daraufhin ab Ende 1992 auf den Namensbestandteil „Roland-Bremen“, firmierte nur noch als „Circus Busch-Berlin“ und plante einen festen Circusbau in der Hauptstadt. Leider erlebte er mit einem Pilot-Projekt 1993 ein wirtschaftliches Fiasko, dem der Konkurs 1994 folgte. Heinz Geier starb an gebrochenem Herzen, sein Sohn Oliver führte mit einer neuen Gesellschaft den Circus (nun wieder als „Busch-Roland“) etwas verkleinert, aber auf hohem Niveau weiter. 2004 zog er sich aus dem Geschäft zurück, das fortan sein Sohn Filip leitete. 2009 kam es zur Insolvenz. Auch zu diesen Jahren verfügt das Wirtschaftsarchiv über umfangreiches Material aus der Sammlung von Pfarrer Schaaff, der stets in enger Verbindung zum Circus Busch-Roland stand.

Circus Berolina 1999 auf dem Potsdamer Platz – Foto Archiv Berolina-Spindler.
Doch zurück zum Circus Berolina: Nach der Einstellung des Tourneebetriebes waren einige der verbliebenen Dressurnummer 1994 und 1995 im Spreepark (Plänterwald) in Berlin zu erleben, darunter 1995 die weltberühmte Eisbärendressur von Ursula Böttcher. In jenem Jahr ging auch wieder ein neuer Circus Berolina auf Tournee, nachdem die Berliner Circus Union mit Bernhard Spindler eine Lizenzvereinbarung geschlossen hatte, so daß der zuvor unter dem Namen „Belli“ reisende Circus der Familie Spindler zum „neuen“ Circus Berolina wurde. Als die Berliner Circus Union 1999 aufgelöst wurde, erwarb Bernhard Spindler auch die Markenrechte „Circus Berolina“.
Überaus erfolgreiche Jahre schlossen sich an. Mit ihren großen Tiergruppen (zeitweise bis zu zehn Elefanten) traf die Familie Spindler gerade in den „neuen“ Bundesländern den Geschmack des Publikums. Zur Jahrtausendwende spielte das Unternehmen am Potsdamer Platz in Berlin mit einem riesigen 6-Masten-Zelt (60 Meter Durchmesser) und drei Manegen. 2002 wurde der Circus mit dem sensationellen Tigerritt zu Elefant und der „größten dressierten Kamelherde der Welt“ beim Circusfestival in Monte Carlo ausgezeichnet. 2005 erwarb die Familie Spindler auch die Markenrechte der einstigen Deutschlandhallenschau „Menschen-Tiere-Sensationen“ und präsentierte bis 2011 jedes Jahr zu Weihnachten unter diesem Namen ein großes Circusprogramm in Berlin. In seinem Ende 2021 erschienenen Buch „Circus …das heißt Tiere !“ erzählt Giovanni Spindler, jüngster Sohn des Berolina-Direktors, von diesen und vielen anderen Kapiteln aus der Geschichte des Unternehmens, u. a. auch von seiner Begegnung mit Pfarrer Schaaff, der den Circus regelmäßig besuchte und noch als Hundertjähriger bei Berolina in der Loge saß. Auch sind in dem Buch einige Fotos aus der Sammlung von Pfarrer Schaaff zu finden.

Mario Spindler mit einem Solosteiger 2013 – Foto von Friedrich Hoffmann.
Als die weltweite Circuskrise immer größere Kreise zog, eröffnete die Familie Spindler 2013 auf dem Gelände ihres Winterquartiers unweit des Flughafens Schönefeld den „Tier-Erlebnispark Waltersdorf“, wo auch die Elefanten ihren Lebensabend verbringen. Bis heute präsentiert Direktor Bernhard Spindler dort seinen „Circus Berolina Weihnachtscircus – Menschen-Tiere-Sensationen“.

Gutschein Busch-Berolina 2022.
Das Tourneegeschäft reist inzwischen unter der Leitung von Bernhard Spindlers Sohn Markus und dessen Frau Gina, während Bernhard Spindlers ältester Sohn Mario 2020 im September 2020 eine eigene Berolina-Show in Spandau vorstellte, die nach großem Erfolg 2021 eine Fortsetzung fand und nun in ganz neuem Gewand als „Circus Busch-Berolina“ zu erleben sein wird. So sind heute zwei große Namen der Berliner Circusgeschichte im Unternehmen von Mario Spindler vereint, der überdies auch noch ein Ur-Urgroßneffe des legendären Berliner Circuskönigs Ernst-Jacob Renz (1815-1892) ist.

Programmheft Busch-Berolina 2022
Das Deckblatt des eingangs erwähnten Programm-Magazins vereint die Busch- mit der Berolina-Tradition. Während die Titelzeichnung Teil einer Collage des Busch-Programmes von 1937 ist (Micaela Busch als Schulreiterin) ist der Schriftzug einem von mehreren Berolina-Logos aus Staatszirkuszeiten nachempfunden, nunmehr ergänzt um den Namen „Busch“. Alle historischen Vorlagen sind übrigens auch im Bestand des Wirtschaftsarchivs vorhanden. Der Innenteil des Magazins enthält neben einer Vielzahl von Fotos mehrere Beiträge zur Geschichte des Circus Busch und des Circus Berolina (darunter auch einen Text von Paula Busch aus dem Jahr 1960), erinnert an Glanzzeiten der Berliner Manegen, aber auch an unvergessene Getreue der Familie Busch, wie die „Wasserminna“, Dompteur Franz Adamski und natürlich auch an Doris und Martin Schaaff.
Text: Friedrich Hoffmann

