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Zwei Monate im BBWA- von Orgeln, Brotfabriken und Ventilatoren

Jan Barth

Ich habe soeben das zweite Semester Archivwissenschaft an der Fachhochschule Potsdam abgeschlossen. Als Belohnung wartete ein zweimonatiges Pflichtpraktikum.

Ich entschied mich für das Berlin- Brandenburgische Wirtschaftsarchiv. Zum einen war schon während des Semesters in mir der Wunsch erwacht, das Praktikum in einem Wirtschaftsarchiv zu machen, da wir uns während des Semesters hauptsächlich mit staatlichen Archiven befassen. Andererseits bot die Lage des BBWA mir auch die Gelegenheit, den Sommer im Hotel Mama zu verbringen. Mit einer Sache hatte ich aber nicht gerechnet, mit dem Rekordsommer 2018.

Im Archiv gibt es immer etwas zu verzeichnen und so war dies auch meine Hauptbeschäftigung während der ganzen Zeit. Mein erster Bestand, den ich verzeichnen durfte, drehte sich um Orgeln. Es handelt sich bei diesem Bestand um das „Depositum Bergelt“. Herr Bergelt ist Orgelexperte und hat zu diesem Thema auch einige Bücher verfasst. Mein Kenntnisstand zu dem Thema war doch eher nicht vorhanden. Mit der Zeit lernte ich einiges dazu und konnte in Gesprächen mit Freunden auch schon Sätze anbringen wie: „Wusstet ihr, dass die Orgel im Berliner Dom eine Sauer- Orgel ist?“

Nein, wirklich ich habe angefangen mich für Orgeln zu interessieren. Nicht, dass ich jetzt Herrn Bergelts Bücher gleich lesen werde, aber ein Ausflug ins Kloster Neuzelle, wo ich bisher leider noch nicht gewesen bin, sollte drin sein. Ein schöner Einstieg also. Wenn nur nicht diese schreckliche Hitze wäre. Es war unerträglich heiß und die Luft stand im Raum. Doch Rettung kam bald. Zusammen mit Frau Estler- Ziegler kauften wir einen Ventilator. Das war die Erlösung.

Orgel in Neuzelle 2002 (Foto: BBWA/Bergelt)

Orgel in Neuzelle 2002 (Foto: BBWA/Bergelt)

Mein nächster Auftrag machte mir aber wieder klar, wie unangenehm Sommer auch sein kann. Es ging ins Magazin. Zusammen mit einer weiteren Praktikantin sollte ich die Lokaturen (Stellkonkordanz) der IHK- Mitgliedsakten machen. Die Mitgliedsakten sind einer der wichtigsten Bestände des BBWA und werden zurzeit enteist und umgebettet. Dass die IHK- Mitgliedsakten wichtig sind, wird nicht nur dadurch klar, wie viel Platz sie im Magazin einnehmen, sondern auch dadurch, dass des Öfteren auf Anfragen von Nutzern oder zum Zwecke des Verfassens von Artikeln, in ihnen recherchiert wird. Es standen die mit Abstand heißesten Wochen des Sommers an und im Magazin gab es keinen Ventilator. Ich kroch auf dem Boden rum und las Nummern von Kartons vor, die wir mit Nummern auf einer Liste verglichen. Anschließend gaben wir die Nummern in eine neue Liste ein. Ich würde gerne sagen, dass ich auch hier etwas gelernt habe, aber ich glaube das würde der Wirklichkeit nicht ganz entsprechen. Hauptsächlich habe ich gelernt, Taschentücher wertzuschätzen. Verdammt, erst jetzt fällt mir ein, dass ich auch ein Handtuch hätte benutzen können. Damit will ich aber nicht sagen, dass mir die Aufgabe nicht Spaß gemacht hätte und dass bisschen Bewegung tut ja auch ganz gut. Arbeit im Archiv heißt halt auch manchmal, dass man mit anpacken muss.

Irgendwann wurden wir fertig mit den Lokaturen. Die Temperaturen hatten sich irgendwo im erträglichen Bereich eingepegelt und mein nächster Bestand wartete schon auf mich. Die Brotfabrik Wittler. Hierbei handelte es sich hauptsächlich um Buchhaltungsunterlagen der Firma aus den 50ern bis Ende der 70er. Hier kam ein Aspekt meiner Tätigkeit im BBWA in Spiel, den ich vermissen werde. Mehr zu erfahren über Betriebe aus Berlin, wie eben die Brotfabrik. Diese war nach dem Ersten Weltkrieg zeitweise der größte Brotlieferant Europas. Wow, was für ein Fakt. 1982 ging die Firma jedoch in Konkurs. Ich versuchte, während der Verzeichnungsarbeit auch ein bisschen nachzuvollziehen, warum die Firma pleitegegangen war. Na ja, dazu verstand ich die ganzen Zahlen doch zu wenig, aber ich lernte andere Sachen. Nämlich alles Mögliche über Buchhaltung und was es nicht alles braucht um eine mittelständische Firma am Leben zu erhalten. Vor allem die Unterlagen zu Investitionen der Firma in Wertanlagen fand ich interessant. Ich erfuhr einiges zu Branchen, von denen ich vorher nicht gewusst hatte, dass es sie gibt. Es dauerte zwar, aber irgendwann waren das letzte Lohnkontobuch und auch der letzte Wirtschaftsprüfungsbericht verzeichnet. Neue Aufgaben warteten schon.

Ich bekam nun drei relativ kleine Bestände zu verzeichnen. Es  handelte sich hierbei um die die Bestände „Zwirnereimaschinen und Werkzeugbau GmbH (vormals Birnstiel)“, „EDB Einkaufsgenossenschaft der Drogenhändler eGmbH“ und „Gloatz & Hille GmbH“.

Da diese Bestände in so kurzer zeitlicher Reihenfolge kamen, kann ich sie jetzt nur noch schlecht auseinanderhalten. Ich weiß nur noch, dass ich einen Text des Firmengründers zur Geschichte der Firma Gloatz & Hille interessant fand. Außerdem waren die im Zellglasverfahren gemachten Grafiken dieser Firma faszinierend. Außerdem war aus allen drei Beständen erkennbar, wie schwierig der Wiederaufbau für Firmen nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen sein muss. Aus verschiedenen Protokollen von Versammlungen der Einkaufsgenossenschaft der Drogenhändler konnte man auch teilweise nachvollziehen, wie durchsetzt die Gesellschaft war vom nationalsozialistischen Denken und vor allem in den Kriegsjahren von einem fanatischen Durchhaltewillen. Insgesamt waren es drei sehr schön zu verzeichnende Bestände, denn ich brauchte auch nicht ewig für sie.

Bei meiner mir zuletzt zugewiesenen Aufgabe handelt es sich um eine Sammlung verschiedener Messekataloge. In ihnen finden sich Anzeigen Berliner Firmen, die ich aufnehmen soll. Es ist mitunter ziemlich witzig, Anzeigen von West-Berliner Nachtclubs aus den 50er Jahren zu sehen. Dies widerspricht ein bisschen meiner Vorstellung der 50er als sehr prüdes Jahrzehnt. Leider werde ich wahrscheinlich nicht mehr fertig mit dieser Sammlung, aber ich hoffe, dass ich schon mal einen kleinen Teil aus dem Weg räumen konnte.

Miraustraße 38 (Foto: BBWA/Barth)

Miraustraße 38 (Foto: BBWA/Barth)

Natürlich war die Verzeichnungsarbeit nicht meine einzige Aufgabe. Ich schrieb Beiträge für den Archivspiegel und Bestandsbeschreibungen. Am meisten Spaß gemacht hat mir eine Rechercheaufgabe. Dabei sollte ich über die Geschichte einer Firma in der Miraustraße 38 in Borsigwalde schreiben. Dazu musste ich mir erstmal ein paar Akten besorgen, diese studieren und versuchen Zusammenhänge zu verstehen. Wann wurde jene Firma gegründet, von wem, oh – sie wurde verkauft, aha – dem gehörte noch diese andere Firma und so weiter. Anschließend verfasste ich einen kurzen Artikel, der von Herrn Berghausen noch deutlich aufpoliert wurde. Ich ging sogar an der Miraustraße 38 vorbei, um ein paar Fotos für den Beitrag zu machen. Hätte auch nicht gedacht, dass ich mich mal in diese Gegend Reinickendorfs verirre.

Bei einem weiteren Rechercheauftrag, den ich zusammen mit Frau Estler-Ziegler bearbeitete, ging es um eine Nutzeranfrage. Der Nutzer betätigte sich genealogisch und wollte etwas über eine Firma erfahren, die einem Verwandten gehört hatte. Leider konnten wir dem Nutzer in diesem Fall nicht wirklich weiterhelfen, aber trotzdem war das Studium der Akten mal wieder sehr interessant.

Alles in allem blicke ich auf eine interessante Zeit zurück. Ich bin natürlich auch froh, dass es jetzt vorbei ist, ich noch ein wenig die Ferien genießen kann, bevor es mit dem Studium weitergeht, aber wenn das Praktikum jetzt noch länger gegangen wäre, dann wär das auch nicht weiter schlimm.

Einen Aspekt der Arbeit des BBWA möchte ich noch hervorheben. Und zwar wie intensiv versucht wird, das Archiv bekannter zu machen. Im Rahmen dieser Bemühungen gibt es ein Projekt des BBWA, auf das ich an dieser Stelle noch mal aufmerksam machen will. Es handelt sich um die Industriespaziergänge durch Reinickendorf. Dieses Projekt wurde zusammen mit Senioren und Ehrenamtlichen entwickelt. Es werden Spaziergänge mit Erläuterungen von Herrn Berghausen gemacht, bei denen man dies und jenes über bestimmte Gegenden in Reinickendorf erfährt und deren Industriegeschichte. Ich durfte bei einem Spaziergang durch Alt- Reinickendorf dabei sein und fand es sehr erhellend. Ein tolles Projekt. Hoffentlich lässt sich das Interesse an solchen Veranstaltungen in Zukunft noch steigern.

Ich möchte mich bei Herrn Berghausen, Frau Estler- Ziegler und meinen Kollegen für die tolle Zeit bedanken und wünsche dem BBWA alles Gute für die Zukunft.

Text: Jan Barth

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