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Parfüm- und Kosmetikproduktion in Berlin (3) – Knapp 80 Jahre – Die Firma W. Reichert

In der Serie „Parfüm- und Kosmetikproduktion in Berlin“ stellt Ihnen Roman Goerkis Unternehmen vor, die nach dem 2. Weltkrieg wieder in Produktion gingen und zum Teil auch sehr erfolgreich waren. In diesem dritten Teil der Serie erfahren Sie etwas über das Unternehmen W. Reichert, seine Produkte und die Schwierigkeiten eines Unternehmens mit Firmensitz in Ost-Berlin.

Neben vielen bekannten Unternehmen aus Berlin im Bereich Parfüm und Kosmetik und vielen Neugründungen nach dem zweiten Weltkrieg gab es bereits im 19. Jahrhundert die Firma W. Reichert.

Nach Angaben in Werbeanzeigen aus den Jahren nach 1946 und dem Rechnungskopf der Firma wurde die Gründung im Jahre 1884 vollzogen. Ab dem Jahre 1885 war die Firma im Adressbuch/Telefonbuch von Berlin zu finden, erst in der Belle-Alliance-Str 60 (heute Mehringdamm), ab 1890 dann in der Hausnummer 85 und danach in der Nummer 90. Gegründet wurde sie von W. Heuchler, über den keinerlei weitere Informationen zu finden war.

Abb. 1: Eintrag der Wortmarke „SERAIL“ im Reichsanzeiger vom 11.12.1894 (Quelle: Reichsanzeiger)

Bereits im Jahre 1894 war das „Waarenzeichen“ der Firma Reichert im Zusammenhang mit dem Schutz der Wortmarke „SERAIL“ abgebildet. Dieses Warenzeichen war auf vielen Produkten der Firma vorhanden, wie auf Abb. 2 zu sehen ist.

Abb. 2: Verschiedene Produkte der Firma W. Reichert mit dem „Waarenzeichen“ SERAIL (Foto: Goerkis)

Parfümerien und kosmetische Artikel waren die Produkte, die W. Reichert hergestellt und verkauft hat. Die Neugründung eines Unternehmens dieser Art war in Berlin sehr mutig oder selbstbewusst, weil es zu dieser Zeit schon einen Marktführer für solche Produkte gab und zwar die Firma Leichner.

Zur Weltausstellung in Chicago 1894 war Leichner bereits mit einer großen Schauvitrine vertreten und zur Weltausstellung in Paris 1900 lag die Abteilungsleitung für den Bereich Parfüm bei Herrn Kommerzienrath L. Leichner.

Abb. 3: Vitrine der Firma Leichner in Chicago 1894 (Quelle: Illustrirte Zeitung, 7.4.1894)

Im Jahre 1904 erfolgte der Umzug der Firma Reichert vor die Tore Berlins, nach Pankow, erst in die Schulzestr 29-34, ab 1918 dann in der Berliner Str. 16 und 1938 in die Bornholmer Str. 4 (später 4 und 7 bzw. 4-7). 1905 wurden das Unternehmen in eine GmbH umgewandelt.

Abb. 4: Eintrag der W. Reichert GmbH im Reichsanzeiger, 1912

Wie aus der Veröffentlichung im Reichsanzeiger zu erkennen ist (Abb. 4), wurde das Produktspektrum im Jahr 1912 massiv erweitert. Anzeigen/Werbung zu diesem erweiterten Produktspektrum sind leider nicht bekannt.

Wie jede größere Firma hat auch W. Reichert auf sogenannte Reklamemarken gesetzt, um seine Produkte zu bewerben. Das Ausgabejahr ist nicht bekannt, die Blütezeit für diese Marken war zwischen 1900 und dem ersten Weltkrieg.

Abb. 5: Reklamemarken zu verschiedenen Produkten (Foto: Goerkis)

Das Unternehmen war auch außerhalb Berlins aktiv, es gab eine Produktionsstätte in Bodenbach und einen Vertriebspartner für Österreich.

In Bodenbach an der Elbe, später Tetschen-Bodenbach, waren viele deutsche Kosmetikfirmen ansässig (Dralle, Reichert, Bergmann, etc.), um den tschechoslowakischen Markt und die K&K-Republik zu versorgen.

Abb. 6: Angebote der W. Reichert GmbH (Quelle: Katalog Karl Hummel, 1924)

Einen sehr guten Eindruck vom erweiterten Produktspektrum der Firma gibt der Katalog des Großhändlers Karl Hummel – Karlsruhe aus dem Jahre 1924 wieder (Abb. 6, 8), ergänzt um einige Originalobjekte in den nachfolgenden Abbildungen.

Von Nagelpolitur, Fettcreme, Puderpapier, Parfüm bis Enthaarungspulver wird das gesamte kosmetische Produktspektrum abgebildet. Die Firma wird mit Sitz Berlin angegeben, weil durch die Gebietsreform von 1920 Pankow zu Berlin gehörte und seine Eigenständigkeit verloren hatte.

Abb. 7: Fett-Puder und Jugendrot der W. Reichert GmbH (Foto: Goerkis)

Der Fett-Puder wird mit „unschädlich“ beworben. „Unschädliche“ Schminke war ein besonderes Merkmal des Mitbewerbers Leichner, der Schminke ohne Blei vertrieben hat, ein Inhaltsstoff, der sehr lange Zeit in Kosmetik genutzt wurde.

Abb. 8: Angebote der W. Reichert GmbH (Quelle: Katalog Karl Hummel, 1924)

Abb. 9: Verschiedene Parfüms (Serail Flieder und Spanisch Juchten) sowie Nagelpoliermittel und Enthaarungspulver der W. Reichert GmbH (Fotos: Goerkis)

Abb. 10: Zwei Auszüge des Angebots der W. Reichert GmbH (Quelle: Katalog Howel & Grevel, S. 66, 67)

Die Erfolge des Unternehmens nahmen scheinbar in der Mitte der 20er Jahre ab. Zum einen wurde der langjährige Geschäftsführer des Unternehmens Julius Hinz (seit 1920) 1926 zum Liquidator der GmbH bestellt. Zum anderen wurde das Produktspektrum verringert, wie im Katalog von Howel & Grevel zu erkennen ist (siehe Abbildung 10/11).

Dieses Bild des verringerten Produktspektrums passt auch zum aufgeführten Sortiment der Firma im Handbuch vom Reichsverband des pharmazeutischen Großhandels aus dem Jahre 1933.

Abb. 11: Auszug aus dem Handbuch vom Reichsverband des pharm. Großhandels (1933)

Julius Hinz übernahm im Dezember 1937 Reichert als Einzelunternehmen. Damit war die GmbH Geschichte.

Wie in einer Vertretermappe aus dem Jahre 1937 zu sehen ist, war das Sortiment zu diesem Zeitpunkt nochmal reduziert.

Abb. 12: Produktspektrum W. Reichert (Quelle: Großhandelskatalog Josef Brückel, ca. 1937)

Scheinbar hatte die Firma zunächst von der Stimmung in den goldenen Zwanzigern profitiert, dann aber massiv unter der folgenden Krise, aber auch durch die Konkurrenz abgebaut. Besonders in Berlin waren mit der Firma Max Schwarzlose, Scherk, Lohse und Jünger&Gebhardt vier große Konkurrenten im Parfümgeschäft vorhanden, dazu kamen Dralle (Hamburg), Mouson und Albersheim (Frankfurt a.M), Mühlens (Köln), Bergmann (Waldheim) und Wolff&Sohn (Karlsruhe) als sehr große Mitbewerber in Deutschland. Außerdem wurden auch Produkte von ausländischen Firmen (z.B. Atkinson, Cheramy, Coty, Elida, Erasmic, Houbigant, Lentheric, D’Orsay, Piver, Roger & Gallet, Yardley) auf den deutschen Markt angeboten.

Teilweise waren die Produkte der deutschen Mitbewerber auch in Kaufhäusern verfügbar und dadurch für viele potenzielle Kunden leichter zu kaufen.

Im Bereich Kosmetik/Schminke war mit der schon besprochenen Firma Leichner, in der Zwischenzeit ein europäischer Marktführer, auch in Berlin ansässig.

Abb. 13: Nachkriegswerbung (Quelle: Weite Welt, September 1947)

 

Nach dem zweiten Weltkrieg war die Firma Reichert, wenn auch in sehr geringem Umfang, in den Magazinen mit Werbung vertreten (siehe Abb. 13 und 14).

 

 

Abb. 14: Nachkriegswerbung (Quellen: Programmheft Theater Schiffbauerdamm 51/52.1947 und Weite Welt 05.1948)

1950 war das „Waarenzeichen“ noch Teil des Briefkopfes der Firma W. Reichert, auf den Produkten der Firma konnte dieses Zeichen nach dem Krieg nicht mehr gefunden werden.

Abb. 15: Briefkopf der Firma Reichert aus dem Jahre 1950 (Quelle: Goerkis)

Als Nachkriegsprodukte waren Schminksets erhalten, die auch mit entsprechenden Aufstellern in den Geschäften beworben wurden. Sehr ähnliche Sets gab es auch von der Firma Leichner, im Westteil von Berlin.

Wie sich die Produkte und Verpackungen der beiden Firmen im Ost- und Westteil von Berlin unterschieden, sowie eine zeitliche Zuordnung der Exponate für den Zeitraum 1948 – 1965 ist leider mit den bestehenden Objekten (Abb. 16 bis Abb. 18) nicht möglich.

Auf den Verpackungen sind weder Anschrift noch ein Hinweis auf die Produktionsstätte vorhanden.

Die folgenden Exponate sind auf jeden Fall nach dem 2. Weltkrieg produziert worden und zeigen einen Teil vom Produktspektrum, das dann auf Schminke konzentriert war.

Abb. 16: Werbeaufsteller für einige Schminksets (Quelle: Foto Goerkis)

Von diesen Werbeaufstellern muss es mindestens acht Stück gegeben haben, auf der Rückseite sind die Aufsteller von Hand nummeriert, und die höchste Zahl in meiner Sammlung ist die Acht.

Abb. 17: Original Schminkset des Mitbewerbers Leichner und von W. Reichert (Quelle: Foto Goerkis)

Abb. 18: : Carneval Schminke und Abschminke (Foto: Goerkis)

Im Ostteil wurde noch im Jahre 1956 von der Firma Reichert im Berliner Branchenbuch eine größere Anzeige geschaltet. Diese Anzeige wurde wahrscheinlich noch von Dorothea Hanke, der damaligen Besitzerin der Firma W.Reichert in Auftrag gegeben, bevor Sie im März 1956 enteignet wurde.

Abb. 19: Eine der letzten Anzeigen in Ost-Berlin (Quelle: Branchenbuch Berlin Ost 1956, S. 247)

Danach ist die Firma bis 1965 nur mit einem regulären Eintrag im Telefonbuch enthalten.

Ab 1966 gibt es keine Hinweise mehr im Telefonbuch auf die Firma W.Reichert in Ostberlin, scheinbar wurde die Firma abgewickelt.

Dorothea Hanke versuchte dann, wie viele Firmeneigentümer die enteignet wurden, einen Neustart im Westteil von Berlin und eröffnete die Firma Reichert am 28.06.1957 in der Nordbahnstraße in Berlin Wedding.

Abb. 20: Briefkopf von 1961 (Quelle: BB-WA, K1/1/63765)

Allerdings waren alle Maschinen und Kontakte im Staatsbetrieb in Berlin Ost verblieben. Einen guten Eindruck, welche Größe die Firma im Ostteil hatte, zeigen die entsprechenden Umsätze. 1954 und 1955 lag der Umsatz bei rund 400.000 DM. Im Jahre 1960 wurde ein Umsatz von rund 900.000 DM erwirtschaftet und für 1961 gab es ein Plansoll von 1,2 Mio DM, bei einer Belegschaft von 55 Angestellten.

Der Start im Westteil verlief für Dorothea Hanke unter den Randbedingungen nicht gut. 1957 und 1958 war der Umsatz im mittleren vierstelligen und 1960 dann im fünfstelligen Bereich.

Außerdem etablierte sich seit 1945 mit der Firma Kryolan ein weiterer Wettbewerber im Westteil von Berlin, der bis heute aktiv im Markt vertreten ist.

Im September 1962 meldete Dorothea Hanke die Firma W. Reichert im Westteil von Berlin ab.

Text: Roman Goerkis

1 Kommentare

  1. Dieser Artikel bietet eine interessante Einblicke in die Unternehmensgeschichte der W. Reichert GmbH, besonders spannend die Entwicklung vor und nach dem Krieg. Die vielen Abbildungen und Quellen machen es lebendig!

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