In der Serie „Parfüm- und Kosmetikproduktion in Berlin“ stellt Ihnen Roman Goerkis Unternehmen vor, die nach dem 2. Weltkrieg wieder in Produktion gingen und zum Teil auch sehr erfolgreich waren. In diesem zweiten Teil der Serie erfahren Sie etwas über die das Unternehmen Stassen und um den Verkauf der Produkte, in der schwierigen Nachkriegszeit.
Nachdem ich in vielen Magazinen aus den Jahren 1946 bis 1949 Werbung von Parfüm- und Kosmetikfirmen aus Berlin gefunden hatte, stellte sich mir die Frage nach den Absatzmöglichkeiten. Berlin war in großen Teil zerstört, Lebensmittel und Hygieneartikel waren nur über Bezugskarten zu bekommen. Es bestand ein Mangel an grundlegenden Produkten und trotzdem gab es entsprechende Werbung.
Bei dieser Produktwerbung findet sich auch sehr viel Werbung der Firma Stassen, die in diesem Artikel beschrieben wird. Die Recherche zur Geschichte des Unternehmens war zunächst nicht einfach.
Bei meinen Recherchen im Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv, im Landesarchiv Berlin und im Stadtmuseum konnte ich einige interessante Informationen zu Stassen finden. Auch die Berliner Adressbücher waren eine große Hilfe, aber die Werbeanzeigen in den Magazinen blieben doch die wichtigste Quelle zu diesem Thema.
In den Magazinen/Zeitschriften aus Berlin waren nach dem Krieg regelmäßig Annoncen der Firma Stassen am Kurfürstendamm, von 1/3 Seite in s/w bis hin zu einer kompletten Seite in Farbe enthalten.

Abb. 1: Ganzseitige Anzeige, 1946 (Quelle: „Frau von heute“, 12/1946, Weihnachtsausgabe)
Die Berliner Adressbücher verraten uns, dass Leonhard Stassen bereits vor dem Krieg zunächst 1936 als Vertreter für Parfüm tätig war und ab 1939 auch ein eigenes Ladengeschäft in der Kleiststraße und später eine Filiale in der Nürnberger Straße eröffnete.
Nach dem Krieg eröffnete Leonhard Stassen sein neues Geschäft am Kurfürstendamm 206, eine sehr bekannte Adresse in Berlin. Die Komödie, ein altes und geschätztes Theater hatte seinen Spielort in der Hausnummer 206.
Neben Parfüm wurden auch Geschenke und Lederwaren, später zusätzlich Keramik und Beleuchtungen angeboten und beworben (siehe Abb. 6 und 8). Das Produktspektrum wurde laufend ausgebaut.

Abb. 2: Überschrift der Rubrik „Berlin baut auf“ (Quelle: Branchen-Adressbuch für Berlin 1946/1947)
Wie wichtig das Unternehmen für Berlin war, zeigt sich in den Rubriken „Berlin baut auf“ (1) und „Berlin kommt wieder“, in die 1946/1947 „tatkräftige Helfer am wirtschaftlichen Wiederaufbau“ im Branchenbuch verzeichnet wurden.
Neben vielen anderen Firmen aus unterschiedlichen Branchen und verschiedener Größe, wurde auch die Firma Stassen am Kurfürstendamm bedacht:
https://digital.zlb.de/viewer/image/34235165_1946_1947/74/
Mit der Geschäftsansicht vom Kurfürstendamm 206 wurde auch in mehreren Magazinen für das Angebot der Firma geworben.

Abb. 3: Geschäftsansicht Firma Stassen, 1949 (Quelle: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (01) : 0173506, Fotograf: Otto Hagemann)
Dass Stassen eine Werbestrategie hatte, zeigt der Umstand, dass scheinbar für jedes Magazin ein eigener Entwurf erstellt wurde, auch wenn es inhaltlich Überschneidungen gab (siehe Abb. 4, 5, 6 und 7).

Abb. 4/Abb. 5: Anzeigen mit Geschäftsansicht, 1946 (Quellen: Magazin „Frau von heute“, 09/1946 [links], Magazin „Jedermann“, 12/1946 [rechts].

Abb. 6/Abb. 7: Anzeigen mit Geschäftsansicht, 1946 (Quellen: Monatsschrift „Athena“, 1. Jahrgang, 12/1946 [links], Zeitschrift „Weltspiegel“, 08.12.1946 [rechts]. Die letztere Anzeige findet sich auch in dem Magazin „Sie“ (15.12.1946).

Abb. 8: Angebote von Stassen (Quelle: Berlins Modenblatt, 01/1948)
Zwischen 1950 – 1952 zog die Firma Stassen vom Kurfürstendamm 206 nochmal um und hatte ihre neuen Geschäftsräume in der Hausnummer 235.
Für 1955 ist aber eine Aufnahme der Schaufenster mit den Produkten der Kosmetikfirma Elise Bock im Stadtmuseum überliefert (Abb. 11). Ob die großen, etablierten Firmen (z.B. Mouson, Dralle, Wolff & Sohn, Mühlens, Schwarzlose, Ellocar, etc.) bereits ihre Produkte vertrieben haben, ist nicht bekannt. Aber in den entsprechenden Magazinen aus Berlin bewarben viele kleine und teilweise neue Parfümfirmen aus Berlin ab 1946 ihre Produkte.
Dazu zählten u.a. Carl Brandt, Edkadulon, Erako, Fri-Wi, Lonja, Möwe, IMONA, Jockeit, Pharkos, Thania, Exquisit, Careel oder Cocktail. Mit der Firma Kleiner, später Gebrüder Kleiner, war außerdem ein großer Produzent von Kosmetik und Parfüm in Berlin vorhanden.
Neben dem Geschäft von Herrn Stassen gab es noch mindestens zwei weitere Geschäfte für Parfüm am Kurfürstendamm, die auch Werbung in entsprechenden Druckerzeugnissen hatten.

Abb. 9/Abb. 10: Anzeigen von Unternehmen auf dem Kurfürstendamm, 1946 (Quellen: „Berlins Modenmagazin“, 01/1946 [links], Reiseführer durch Berlin, hrsg. Gustav Schrodek, Zimmervermittlungsdienst Berlin, Graphiker Pollock Berlin, 12/1946 [rechts].
Von Juni 1948 bis Mai 1949 wurden alle Zufahrten nach Berlin blockiert: die Berlin Blockade. Dadurch waren plötzlich weder Touristen als Käufer vorhanden, noch die entsprechenden Rohstoffe für Kosmetik und Parfüm verfügbar. Viele der kleinen, neuen Firmen aus dem Bereich Kosmetik und Parfüm waren danach in den Magazinen nicht mehr vertreten und auch im Telefonbuch nicht mehr aufgeführt.
Das Geschäft von Herrn Stassen jedoch überstand diese Zeit und war auch weiterhin am Kurfürstendamm vertreten.

Abb. 11: Schaufenster der Firma Stassen am Kurfürstendamm 235 mit Waren der Kosmetikfirma Elisabeth Bock, 02/1955 (Quelle: Stiftung Stadtmuseum Berlin, Inv.-Nr.: SM 2017-00498,00459, Copyright siehe (2).
Elisabeth Bock war eine bekannte Kosmetikfirma in Berlin, die bereits um 1910 Kosmetik produzierte Außerdem wurden Schulungen für Kosmetikerinnen angeboten. Bis zum Jahre 1953 war das Ladengeschäft am Kurfürstendamm 233, also in direkter Nachbarschaft zur Firma Stassen.
Das Geschäftsmodell der Firma Stassen war scheinbar sehr erfolgreich. Ab 1954 wurden von der Firma Stassen Lederwaren direkt aus Spanien bezogen, also der Großhandel/ die Wiederverkäufer in Deutschland umgangen.
Im Zeitraum 1957/1958 ist im Telefonbuch von Berlin nicht mehr Leonhard Stassen, sondern Johanna Stassen angegeben. Ob es sich um die Ehefrau oder Tochter handelt, ist nicht überliefert.
Eine Abbildung des Geschäfts aus dem Jahre 12.1961 zeigt, wie prachtvoll Stassen ausstellte und zeigt vor allem eine Komplettansicht der auf der Straße stehenden Vitrinen auf dem Kurfürstendamm.

Abb. 12: Geschäftsansicht Firma Stassen am Kurfürstendamm 235, 12/1961 (Quelle: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (03) : 0311208, Fotograf Willi Huschke)
Wie erfolgreich Stassen war, zeigt sich auch an der Anzahl der Beschäftigten, die 1964 für die IHK mit 10 angegeben werden.
Mit dem Ableben Frau Johanna Stassen im Dezember 1968 wurde das Geschäft nach einem Räumungsverkauf aufgegeben und die Firma Stassen erlosch am 20.01.1969.
Text: Roman Goerkis
Quellen:
(1) Branchen-Adressbuch für Berlin 1946/1947, Rubrik „Berlin baut auf“:
https://digital.zlb.de/viewer/image/34235165_1946_1947/74/
(2) Copyright zu Abbildung 11: Willi Huschke
„Stassen (für Rehe) Elisabeth Bock Ku’damm“
Berlin, 20.02.1955
Fotografie, 9,00 cm x 12,00 cm
Inv.-Nr.: SM 2017-00498,00459
© Stiftung Stadtmuseum Berlin
Reproduktion: Dorin Alexandru Ionita
unrestauriert

