Wirtschaftsgeschichte
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Das Druckgewerbe in Berlin – Die Buch-, Kunst- und Steindruckerei Max Lichtwitz

Als Wirtschaftsarchivarin kann ich keine Zeitung oder Zeitschrift mehr durchsehen, ohne dass mir „spannende“ Anzeigen ins Auge fallen. So auch geschehen bei der Erschließung der Mitteilungen des VBKI e. V. vom November/Dezember 1957. Die Anzeige der Buch-, Kunst- und Steindruckerei Max Lichtwitz mit dem Hinweis auf ihr 95-jähriges Bestehen erweckte meine Neugier und führte zu Funden in unserem eigenen Bestand und im Bestand des Landesarchivs.

Anzeige von 1957 (Quelle: Mitteilungen des VBKI e. V., 12/1957, S. 35)

„Am 1. Oktober 1862 eröffnete der Buchdruckmeister Max Lichtwitz im Zentrum Berlins eine Druckerei. Durch Fachwissen und Fleiß kam er gut voran, so daß er im vorgerückten Alter seinem Sohn Ernst einen gut fundierten Betrieb übergeben konnte.
Nach mehreren Umzügen, die stets mit Vergrößerungen verbunden waren, stand in den 20er Jahren der ansehnliche Betrieb in der Neuen Grünstraße 30.“

Dieses Zitat aus der Einladung zum 100-jährigen Bestehen des Unternehmens erklärt, was wir anhand der Adressbücher herausfinden konnten: Die Gründung erfolgte in der Stralauer Straße 39 in Berlin-Mitte. Von dort aus ging es in die Jüdenstraße 34 (1864-1868), dann in die Heiligegeiststraße 14 (1869-1894). 1895 ist der Sitz am Hausvogteiplatz 3-4 und ab 1912 in der Kommandantenstraße 14. Ca. 1919 entsteht der erwähnte Betrieb in der Neuen Grünstraße 30.

Auch die sich ständig ändernden Betätigungsfelder weisen auf die Vergrößerung des Betriebes hin: Buch- und Steindruckerei, Gravier- und Prägeanstalt (1870), Buch-, Kunst- und Steindruckerei, Kunstverlag und Briefumschlagfabrik (1880), Kunst-, Buch- und Steindruckerei, Lithographische Anstalt, Offizin zur Herstellung von Werthpapier und Buchbinderei (1890).

Viel mehr wissen wir aus den ersten 40 Jahren des Unternehmens nicht. 1896 stirbt der Unternehmensgründer Max Lichtwitz und sein Sohn Ernst Lichtwitz übernimmt die Buch- und Steindruckerei. Am 20.02.1900 wird Wilhelm Ferdinand Richard Kutschera Prokurist im Unternehmen, eine Aufgabe, die er 30 Jahre lang, bis zu seinem Tod, ausfüllt.

1929 erhält Ludwig Lichtwitz (1903-1961) Prokura und übernimmt die Buch- und Steindruckerei Max Lichtwitz 1937 nach dem Tod seines Vaters Ernst. Zu dieser Zeit ist das jüdische Unternehmen schon den Repressalien des Dritten Reiches ausgesetzt. Am 01.01.1938 kommt es zu einer Umwandlung in eine KG. Persönlich haftender Gesellschafter wird Ludwig Lichtwitz, Kommanditisten sind seine Brüder Max (Rechtsanwalt, 1902-1942) und Walter (1907-1982) sowie die Mutter Margarete Lichtwitz, geb. Auerbach (1877-1951).

Briefkopf eines Schreibens vom 06.09.1938 (Quelle: LaB A Rep. 342-02 : 23865)

In schwieriger Zeit übernimmt es am 31.05.1938 den Buchdruckereibetrieb Siegfried Scholem. Aus einem Schreiben der IHK an das Amtsgericht Berlin vom 03.08.1938 erfahren wir, dass dem Unternehmen eine Betriebsfläche von 1.200 qm zu einer Jahresmiete von 16.000 RM zur Verfügung steht. Insgesamt werden 75 kaufmännische und technische Angestellte beschäftigt und es stehen dort rund 60 unterschiedliche Druckmaschinen. Der Jahresumsatz 1937 betrug 200.755 RM.

Noch im Jahr 1938 werden die Gesellschafter der Buch- und Steindruckerei Max Lichtwitz aufgefordert, ihr Unternehmen zu liquidieren. Im Handelsregister gilt die Gesellschaft seit dem 14.04.1939 als aufgelöst, gelöscht wurde sie am 04.11.1942.

Ludwig Lichtwitz war wahrscheinlich in der ersten Zeit des Nationalsozialismus durch eine „Mischehe“ vor Repressalien geschützt. 1942 beschloss er unterzutauchen. 1943 wurde er verhaftet. Es gelang ihm aus dem Sammellager Große Hamburger Straße zu entkommen.
Walter Lichtwitz verließ Deutschland schon 1933 und ging nach Paris, wo er einen Druckereibetrieb eröffnete. Er und seine Frau überlebten die Internierung und Haft in Vichy und kehrten nach dem Krieg nach Paris zurück.
Der Rechtsanwalt Max Lichtwitz, seine Frau Luise und seine Stieftochter Ellen Jordan wurden am 09.12.1942 nach Auschwitz deportiert und dort in den Gaskammern ermordet. Nur der einzige Sohn der beiden, Heinz Lichtwitz (*12.06.1932), überlebte das Dritte Reich, weil er am 03.02.1939 mit einem Kindertransport nach England ausreisen konnte.
Ausführliche Informationen über die Familie Lichtwitz finden sich auf der Website der „Stolpersteine in Berlin“.

Briefkopf eines Schreibens vom 09.04.1948 (Quelle: LaB A Rep. 342-02 : 23865)

Nach dem Krieg eröffnet Ludwig Lichtwitz laut der Festschrift zum 95. Jubiläum der Buch- und Steindruckerei Max Lichtwitz am 01.08.1945 wieder sein Unternehmen in der Dircksenstraße 47 in Ost-Berlin. 1948 firmiert die Firma Max Lichtwitz / Eyck’sche Buchdruckerei, vormals Buchdruckereibetriebe Max Lichtwitz und Siegfried Scholem. Inhaber sind Ludwig Lichtwitz und Gertrud Buschendorf. Aus der Festschrift geht hervor, dass sie 1950 schon rund 150 Mitarbeiter gehabt haben. Am 23.09.1950 wird Ludwig Lichtwitz wieder enteignet, diesmal durch Behörden in Ost-Berlin.

Er geht daraufhin nach West-Berlin und gründet am 01.01.1951 die Buch-, Kunst- und Steindruckerei Max Lichtwitz in der Bülowstraße 15. Diese befindet sich im Erdgeschoß des Gebäudes. Im ersten Obergeschoß saß wahrscheinlich seit 1952 die EWEKA Erste Westberliner Kassenblockfabrik oHG, deren Entstehung ein eigenes Kapitel wäre. Der erste Gesellschaftervertrag zu diesem Unternehmen wurde Ende 1951 aufgesetzt, zunächst für eine GmbH. Nach mehreren Änderungen erfolgte der Eintrag ins Handelsregister am 29.05.1956 für die oHG. Inhaber waren Ludwig Lichtwitz und der Kaufmann Arthur Buschendorf.

Mitteilungen des VBKI, Heft 32/33, 02/1956 (Quelle: BBWA B294/2015) / Deckblatt der Festschrift zum 95-jährigen Bestehen von Max Lichtwitz (Quelle: LaB A Rep. 342-02 : 23865)

Spätestens seit 1954 ist Ludwig Lichtwitz Mitglied beim Verein Berliner Kaufleute und Industrieller e. V. (VBKI) und macht in den Mitteilungsblättern des Vereins viel Werbung für seine beiden Unternehmen.

Moderne Setzmaschine, Foto aus der Festschrift zum 95-jährigen Bestehen von Max Lichtwitz (LaB A Rep. 342-02 : 23865)

In der Festschrift zum 95-jährigen Bestehen (1957) wirbt das Unternehmen mit modernen Setz- und Druckmaschinen. Es werden Drucksachen aller Art angeboten, Buchbinderarbeiten, Zeitschriften- und Prospektdruck sowie Massenauflagen. Ein Spezialgebiet des Hauses ist die Herstellung von Kassenblöcken, Durchschreibebüchern und Fahrscheinen.

Dass seine Unternehmen erfolgreich laufen, zeigt sich an der Mitarbeiterzahl und auch an den Umsätzen. Um 1955 hat die Buch- und Steindruckerei Max Lichtwitz 54 Mitarbeiter und einen Gesamtumsatz von 658.000 DM. Die EWEKA hat 1956 17 Mitarbeiter und im ersten Quartal ein Umsatz von 63.730,75 DM. 1958 sollen sich die Betriebsräume auf vier Etagen mit einer Belegschaft von 80 Mitarbeitern erstrecken.

Am 19.02.1957 wird auch die Firma Max Lichtwitz in eine oHG umgewandelt und Arthur Buschmann wird auch dort persönlich haftender Gesellschafter. Mit dem Tod von Ludwig Lichtwitz 1961 tritt seine Witwe Wally Lichtwitz, geb. Link, an seine Stelle. Im selben Jahr erhalten zwei Mitarbeiter des Unternehmens Prokura und zwar Johanna Neumann, geb. Kluge, und Kurt Weber.

Anzeige von 1954 (Quelle: Mitteilungen des VBKI, Heft 20, 12/1954, S. 12.

Am 01. Oktober 1962 wird das 100-jährige Bestehen im Haus des VBKI in der Fasanenstraße 83 gefeiert.

Mit Ausscheiden von Arthur Buschendorf aus dem Unternehmen Ende 1968 geht das Unternehmen Mitte 1969 an die beiden langjährigen Mitarbeiter Johanna Neumann, geb. Kluge und Kurt Weber über. 1976 gründen die beiden die Neumann & Weber GmbH, Verlag und Buchdruckerei, welche persönlich haftende Gesellschafterin der Firma Max Lichtwitz GmbH & Co. KG wird. 1978 zieht das Unternehmen in die Stauffenbergstraße 11-13 (Berlin-Tiergarten). Das ist der Sitz der Druckerei Paul Funk, die von den Gesellschaftern aufgekauft wird. Das Unternehmen heißt nun Max Lichtwitz – Paul Funk GmbH & Co. KG.

1977/78 hat die Firma Max Lichtwitz einen Umsatz von 1.080.015,00 DM, aber nur noch 18 Mitarbeiter. Die Druckerei Paul Funk hat einen Umsatz von 614.131,22 DM und 11 Mitarbeiter.

Am 07.08.1985 werden die Neumann & Weber GmbH sowie die Max Lichtwitz – Paul Funk GmbH & Co. KG aufgegeben mit der Begründung, dass der Mietvertrag der Gewerberäume gekündigt wurde.

Text: Tania Estler-Ziegler

 

Quellen:

Dokumente und Akten des BBWA:
Mitteilungen Verein Berliner Kaufleute und Industrieller e. V. (1954-1957)
B 293/2015
B 295/2015

Unternehmensmitgliedsakte der IHK für Max Lichtwitz u. a.
K1/1/33146

Akten des Landesarchiv Berlin:
Max Lichtwitz – Paul Funk GmbH & Co.KG vormals Buch- und Kunstdruckerei Max Lichtwitz KG
A Rep. 342-02 : 23864
A Rep. 342-02 : 23865

Sonstiges:
Stolpersteine in Berlin für Margarete Lichtwitz, geb. Auerbach, Ilse Lichtwitz, geb. Badt, Walter Lichtwitz, Ludwig Lichtwitz, Luise Lichtwitz, geb. Goldstein, Ellen Jordan, Heinz Lichtwitz

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