Archivgut
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Wilhelm Lenz – oder Tag 1 meines Praktikums

Nachdem ich bereits als Praktikantin in das Archiv eines Berliner Museum reinschnuppern durfte, wollte ich mehr über die Arbeit auch in anderen Archivsparten erfahren. Also bewarb ich mich für ein dreimonatiges Praktikum im Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv. Der Geschäftsführer, Herr Berghausen, und die Archivarin, Frau Estler-Ziegler, gaben mir erfreulicherweise sehr kurzfristig die Gelegenheit, bei ihnen anzufangen. Von der ersten telefonischen Kontaktaufnahme bis zum Praktikumsbeginn vergingen zehn Tage.

Genauso rasant wurde ich auch mit meiner ersten Aufgabe betraut. Auf dem Weg hierher überlegte ich, wie wohl der erste Tag meines Praktikums verlaufen wird. Dass ich gleich beauftragt werde, einen Text über ein ehemaliges Berliner Unternehmen zu schreiben und dazu zu recherchieren, hat mich überrascht. Zumal Texte schreiben nicht gerade zu meinen Lieblingstätigkeiten gehört.

Anzeigenblatt aus dem Messekatalog “Deutsche Gastwirts-, Konditoren- und Nahrungsmittelausstellung, Berlin 1962 (BBWA S2/17/15)

Kaum zehn Minuten, nachdem ich angekommen war, kam Frau Estler-Ziegler mit einer Kopie einer historischen Firmen-Anzeige zu mir. „Die habe ich in einem Messe-Katalog gefunden. Die fand ich ganz spannend!“ Es handelte sich um eine Anzeige der Firma Wilhelm Lenz – Likörfabrik, Weingroßimport und Wermutkellerei – von 1962. Meine Aufgabe sollte darin bestehen, über die Firma und deren Eigentümer zu recherchieren und am Ende „eine Geschichte“ darüber zu schreiben. Und so begann ich, mich mit Wilhelm Lenz, seiner Familie und der Likörfabrik zu beschäftigen. Zu der nicht sehr umfangreichen Akte zeigte mir Frau Estler-Ziegler als weitere Rechercheinstrumente die gedruckten Handelsregister aus verschiedenen Jahren und die Datenbank der ZLB, in der die Berliner Adressbücher von 1799 bis 1945 in digitalisierter Form vorliegen.

Gegründet wurde die Firma vom Wilhelm Lenz 1885 als Großdestillation mit Sitz in der Weddinger Ackerstraße 44. 1905 zog die Firma in das Erdgeschoss des Hauses in der Feldstraße 9, deren Grundstück Wilhelm Lenz erwarb.  Im gleichen Jahr übertrug Wilhelm Lenz die Firma an seinen Sohn Richard. Unter dessen Leitung „begann die Herstellung von Likören und Trinkbranntwein, zu deren Vertrieb neben dem Hauptgeschäft wurden mehrere Detailverkaufsstellen mit Probierstuben eingerichtet.“ Dies ist in einem Zeitungsartikel zu lesen, der anlässlich des 75jährigen Geschäftsjubiläums in der „Berliner Wirtschaft“ Nr. 28 vom 1.10.1960 erschienen ist. 1936 gab es einen erneuten Wechsel des Firmensitzes in die Reinickendorfer Straße 50. Nach dem Tod von Richard Lenz im Jahr 1939 ging die Firma in den Besitz seiner Kinder Elfriede Bormann, geb. Lenz, und Kurt Lenz über. 1953 wurde das Unternehmen zu einer OHG umgewandelt.

Flaschenetikett der Firma Wilhelm Lenz von 1960 (BBWA S2/09/851)

Dem oben genannten Artikel in der „Berliner Wirtschaft“ ist zu entnehmen, dass das Unternehmen zu dem Zeitpunkt von „Kurt Lenz und seinem Schwager, dem im Betrieb ausgebildeten Großhandelskaufmann und Destillateur Erich Bormann geleitet“ wurde. Die Firma stellte „ein Sortiment von etwa 40 Likören her. Mehrere Artikel konnten zu Markenqualitäten entwickelt werden. Neben der Eigendestillation, in der 1960 rund 100 000 l reiner Alkohol verarbeitet werden und der Wermut-Herstellung, betreibt die Firma einen ausgedehnten Weinimport und Großhandel mit Markenspirituosen. Der Gesamtumsatz dürfte in diesem Jahre fast 3 Mill. erreichen. Die eigenen Erzeugnisse machen davon etwa die Hälfte aus. In dem Betrieb, der rund 40 Arbeitskräfte beschäftigt, ist heute bereits ein Urenkel des Gründers tätig.“ Besagter Urenkel war Klaus Bormann, der später zum Gesellschafter wurde.

Ab 1.7.1976 ging das Familienunternehmen in den Besitz von Wilhelm Ernst Freiherr von Cramm über, der das Gewerbe am 15.8.1989 abmeldete.

Nachdem ich den ersten Tag für die Recherche aufwendete, machte ich mich am folgenden Tag daran, meiner „Lieblingsbeschäftigung“ nachzugehen – dem Verfassen dieses Textes.

Am Ende von Tag 2 meines Praktikums hatte ich das Gefühl, schon viel länger hier zu sein, da ich diese zwei Tage sehr intensiv erlebt habe. Ich habe bereits zu diesem Zeitpunkt mehr Neues über die Recherchearbeit im Archiv gelernt, als ich erwarten durfte.

Ich habe schon weit weniger spannendere erste Tage erlebt und freue mich auf die kommenden Monate.

Text: Beate Bohm

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