Am 4. Januar verstarb Helga Krzyzagorski Im Alter von 93 Jahren – unsere „Leseheldin“ aus dem Kreis engagierter Berliner Senioren, die einem in der Wochenendausgabe der Berliner Boulevardzeitung B.Z. erschienen Aufruf folgten. Unter dem Titel „Wer das lesen kann, wird unser Held“ wurde am 13. April 2013 ein spannender Neuzugang des BBWA vorgestellt, die handschriftlichen Aufzeichnungen eines Berliner Schiffsarztes zu seinen Reisen in alle Kontinente (1900 bis 1907) beinhaltete. Ein wahrer Schatz von historischen Zeugnissen zum Seehandel und zum Reisen um die Jahrhundertwende für das Archiv, der darauf wartete, mit Kenntnissen der Kurrentschrift entziffert und in eine Datei übertragen zu werden.

Talente in Rente – beim Entziffern alter Schriften (BBWA)
Als Ehrenamtsmitarbeiterin der ersten Stunde stellte Helga Krzyzagorski ihr Können prompt unter Beweis. Mit ihrer ausgeprägten Teamfähigkeit, den nötigen Kenntnissen, Gewissenhaftigkeit und Ausdauer sowie einer großen Portion Begeisterung machte sie ihrem Ruf als Rund-um-Talent alle Ehre.
Helga Krzyzagorski wurde am 21. April 1932 in Berlin geboren. Nach kriegsbedingt schwerer, traumatischer Kindheit und dem Verlust ihres leiblichen Vaters im Krieg verlor sie später auch ihren Adoptivvater. Als Teenager zog sie mit ihrer alleinerziehenden Mutter nach Berlin Wilmersdorf.
Mit Beginn der sechziger Jahre zeigte die rundum versierte Helga Krzyzagorski, dass sie zupacken kann. Sie übernahm die Bedienung in Kneipen, Imbissen und Restaurants, bis sie dann als Datentypistin bei der Deutschen Rentenversicherung für die letzten Jahrzehnte an den Schreibtisch wechselte.
1989 ging sie in Rente. So erfahren im Umgang mit Computern, der akkuraten Eingabe von Daten sowie deren Pflege in Datenbanken und ausgestattet mit einer hohen Tippgeschwindigkeit, hatte sie mehr als alle Voraussetzungen im Gepäck, um einen Platz im Transkriptionsprojekt des Archivs einzunehmen. Einmal in der Woche traf sie sich ab April 2013 in der Bibliothek des BBWA mit weiteren ehrenamtlichen Senioren zum Entziffern und Übertragen der vielen Briefe, Postkarten und Dokumente in Computerdateien. Der Nachlass stand schon Ende 2013 für die Nutzung zur Verfügung.

Hörfunkbeitrag „Wer kann Sütterlin?“ im Deutschlandfunk am 1. Juli.2013 (BBWA)
Das Engagement von Helga Krzyzagorski und ihrer Mitstreiter fand in der Tagespresse, in Funk und Fernsehen Beachtung. Sie hat eine Sendung, die seinerzeit bundesweit im Deutschlandradio über das Transkriptionsprojekt berichtete, mit Ihrer Schilderung der Schwierigkeiten beim Lesen alter Handschriften auch mit dem heiteren Ausruf „Das heißt ja Walfisch!“ außerordentlich belebt. Eine Win-Win-Situation für alle mit Wow-Effekt. Das medienwirksame Projekt wurde schließlich noch durch die Auszeichnung des BBWA als „Wirtschaftsarchiv des Jahres 2014“ getoppt.
Ihre größte Leidenschaft war das Reisen. Ab Anfang der 60er Jahre verreiste sie mit Ihren Töchtern Brigitte und Heike mindestens einmal im Jahr nach Spanien. Später und bis ins hohe Alter von 88 Jahren reiste sie mehrfach in die USA, nach Bulgarien und Ungarn – nicht ohne die Zwischenzeiten mit Tagesfahrten und Wochenendreisen zu füllen. Ob ihre Reiselust der Anstoß war, bei der Transkription des Nachlass eines in alle Kontinente fahrenden Schiffsarzt zu helfen, haben wir nie gefragt, sind jedoch sicher, dass ihre Gedanken dabei in ferne Länder reisen konnten.
Bis Anfang 2016 begleitete Helga Krzyzagorski zwei weitere Transkriptionsprojekte. Dass sie sich – ausgerüstet mit der ihr eigenen Leselust auf Romane, Krimis und „Historisches“ – auch dem Nachlass eines Oberzahlmeisters der Reichsmarine in Tsingtau aus der Zeit der Expansionspolitik des deutschen Kaiserreiches in China mit großem Interesse und Engagement widmete, wunderte uns nicht. Die letzte und dritte Transkriptionsrunde, die sie im Kreis der ehrenamtlichen Seniorentruppe im BBWA verbrachte, hatte die Entzifferung und Digitalisierung von stattlichen 500 bis 600 Dokumenten aus drei Generationen einer Berliner Fabrikantenfamilie zum Ziel. Gewohnt, mit Rätseln, Quiz-Sendungen und Quiz-Apps umzugehen (und dies übrigens bis zum stolzen Alter von 93 Jahren!), entzifferte sie die handschriftlichen Ausführungen mit der notwendigen detektivischen Akribie.

Helga Krzyzagorski entziffert alte Schrift – schnell, souverän und kompetent verkündet sie in die Lösung (BBWA)
In den folgenden drei Jahren wurden ihre Besuche seltener, jedoch hielt sie Kontakt zum BBWA – technikgewohnt natürlich via E-Mail und WhatsApp! – den auch wir in tiefer Verbundenheit pflegten. Sie war eine Persönlichkeit, die mit Witz, menschlicher Wärme und Berliner Schnauze wirkte. Über ihren schwer zu buchstabierenden Namen konnte sie lachen – und unterzeichnete stets mit dem lesefreundlichen Kürzel „Krz.“ Ihr Humor und ihr freundliches Interesse an anderen haben es leicht gemacht, sie zu mögen. Von Anfang an und noch mehr über die Zeit haben wir Helga Krzyzagorski ins Herz geschlossen und freuten uns über den weiteren Einblick in ihr vielseitiges Leben. Wir sind bis zum Schluss im Dialog mit ihr geblieben.
Sie hat Eindruck und Spuren hinterlassen, die weit über ihre ehrenamtliche Tätigkeit hinausreichen. Wir werden sie, ihre Tatkraft und ihr wirklich außerordentliches Multitalent in liebevoller Erinnerung behalten.
Unser aufrichtiges Mitgefühl gilt ihrer Familie und allen, die ihr nahestanden.
In Dankbarkeit und stiller Wertschätzung.
Das Team des BBWA
Nachruf verfasst von Christine Berghausen

